Storytelling
 
 


Der Amtsrichter Otto Witt in Eutin

Making of

 

„Mir geht es um das Einordnen, um Hintergrund“


Wie Sina Wilke ihren Arbeitsprozess steuert, worauf es ihr dabei ankommt und wo die Intuition dabei bleibt


Wie haben Sie sich auf das Gespräch mit Otto Witt vorbereitet?

Ich hab mir überlegt, worauf ich hinaus will. Was die zentralen Fragen sein sollen. Und dann eine Seite Fragen aufgeschrieben. Ich hab mich eingelesen über das Amtsgericht und über Recht an sich. Und mit Kollegen gesprochen, die ihn kennen. Mein Vorteil war, dass ich in meiner Zeit als Lokalredakteurin in Eutin sehr viele Verhandlungen von Otto Witt besucht hatte und ihn daher als Richter kannte.


Überlegen Sie sich immer so genau, was Sie sagen wollen?

Ja. Natürlich muss man dabei offen bleiben, weil sich Geschichten manchmal anders entwickeln. Aber ich überlege mir genau, worauf ich hinaus will. Sonst ufert das aus. Das Gespräch und nachher der Text. Otto Witt wollte mir z. B. gerne von seinen Betreuungssachen erzählen, also dass er Menschen vertritt, die wegen einer Krankheit oder Behinderung Hilfe brauchen. Es war ihm wichtig. Das hab ich aber komplett rausgenommen, weil das vom Kern meiner Geschichte weggeht.


Sie führen Regie.

Ja. Wenn man sich nicht entscheidet, was man erzählen will, wird das nichts. Früher hab ich das nicht gemacht. Ich hab mir das angeeignet, weil ich gemerkt hab, dass das Ergebnis dann besser wird. Die Recherche ufert nicht aus. Und man kann tiefer gehen. Wenn ich nicht weiß, was ich will, frage ich hundert Sachen im Interview, bin aber bei keiner tief drin.


Wie lange haben Sie mit Otto Witt gesprochen?

Etwa zwei Stunden. Vormittags saß ich bei ihm in den Verhandlungen. Mittags hat er sich Zeit genommen, bevor er nach Hause zum Essen fuhr.


Diese Interviewsituation haben Sie zu Beginn des Textes beschrieben. Warum?

Wenn man weiß, wie Otto Witt im Büro sitzt und mit seiner Frau telefoniert, seinen Kaffee trinkt und aus dem  Fenster guckt, dann versteht man besser, was er für ein Typ ist. Und was das Amtsgericht für ein besonderer Ort ist im Gegensatz zu den großen Gerichten. Es ist alles ein bisschen beschaulich, so bodenständig.


Sie porträtieren einen Richter. Sie erklären aber gleichzeitig das Amtsgericht.

Ich wollte beides. Ich wollte am Beispiel des Amtsrichters Otto Witt zeigen, wie ein Amtsgericht funktioniert. Mit welchen Fragen und Menschen es sich beschäftigt. Ich wollte die Frage nach Gerechtigkeit  stellen und wie so ein Richter damit umgeht.


Wie ist aus dem Gespräch ein Text geworden?

Ich schreibe im Block mit. Was ich da aufschreibe, passiert den ersten Filter. Ich schreibe ja nicht alles mit. Vom Gespräch bis zum Abtippen gibt es einen zweiten Filter. Nicht alles findet den Weg in den Computer. Ich mache mir ein Bild, was das für eine Geschichte wird. Ich schreibe Zitate aus dem Gespräch und Notizen aus dem Gericht unrein auf. Das ist dann ein riesiger Haufen Material. Den gliedere ich nach Sinneinheiten. Eine Einheit zu „milde Urteile“. Eine Einheit zu „Bodenständigkeit“. Ich stelle zusammen, was dazu gehört. Der Rest  passiert  intuitiv. Da kommen Ideen dazu, Gedanken und Kommentierungen. Ich gehe den Text immer wieder durch, verknüpfe die Teile, reichere an, und so wird der Text immer reiner.   


Ihr Ausgangspunkt sind die Zitate?

In dem Fall ja. Und ich reichere das an mit meinen Erinnerungen. So fülle ich dann auf.


Sie füllen ganz enorm auf. Sie kommentieren und bewerten, ordnen ein, führen die Leser, Sie mutmaßen und deuten und Sie stellen Zusammenhänge her. Sie sind als Erzählerin sehr präsent. Welches Selbstverständnis steckt dahinter?

Ich war ja schon oft im Gericht. Ich hab mehr Wissen und Erfahrungen als der gemeine Leser. Ich will ihn daran teilhaben lassen. Mir geht es um das Einordnen, um Hintergrund. Ich glaube, dass ihn das noch tiefer und näher an die Materie bringt, weil es ein Angebot ist, sich mehr damit zu beschäftigen und darüber nachzudenken. Im Nachhinein bringt ihm das mehr, als wenn ich nur schildere, was ich gesehen habe.


Sind Ihre Fragen ein Mittel, Leser einzufangen?

Am Anfang habe ich einige Fragen aufgeworfen, um dem Leser Orientierung zu geben: Dahin geht das, diese Fragen will ich beantworten. Dann wird er hoffentlich sagen: Oh, das interessiert mich auch, das will ich mal lesen. An anderen Stellen sollen die Fragen dann eher irritieren und die Leser auffordern, sich über sie Gedanken zu machen.


Otto Witt nennt als wichtigste Voraussetzung für seinen Beruf, „dass ich Menschen mag.“ Sie schaffen Fallhöhe: „Sein tägliches Brot sind Schläger, Vergewaltiger, Diebe, Betrüger.“ Dann Ihre Frage: „Und das Erste, was ihm dazu einfällt, ist, dass er Menschen mag?“

Ich fand das überraschend, dass er darauf so viel Wert legt. Dass er sich das so klar bewahrt hat, obwohl er mit soviel Mist konfrontiert ist.


Es überrascht Sie und diese Überraschung geben Sie an Ihre Leser weiter. Mittels einer Frage.

Die Frage gibt die Möglichkeit, den Leser einzubeziehen, so dass er auch darüber nachdenkt.


Sie verbinden immer wieder Anschaulichkeit und Abstraktion. Sie sagen, Otto Witt sei kein Mann der Konventionen - das ist abstrakt. Die Robe hängt über seinem Stuhl - das ist konkret.

Der Leser will ja wissen, woran ich das Unkonventionelle festmache. Es ist aussagekräftiger und schöner zu lesen, wenn er im Saal sagt: „Bleiben Sie sitzen“. Wenn ich eine Szene beschreibe, ist man emotional damit verbunden und erlebt es mit. Deshalb mach ich auch gern einen szenischen Einstieg. Weil ich damit den Leser eher emotional packe. Das ist spannender zu lesen und sagt oft auch mehr aus.


Warum steigen Sie mit der Person des Angeklagten Aron ein?

Ich war an dem Vormittag bei drei Verhandlungen. Mir war schnell klar, dass Aron die Figur sein musste. Zum einen, weil Otto Witt in dieser Verhandlung am ehesten so auftrat, wie es typisch für ihn ist, und weil der Fall relativ einfach war. Die anderen Fälle waren komplizierter, mit Zeugen, die dann wieder was anderes erzählten. Ich wollte dem Leser aber keine komplizierte Verhandlung schildern, sondern eine, an der ich die Arbeit des Richters exemplarisch erklären konnte. Und ich wollte zeigen,  worin die Benachteiligung der Menschen besteht, die da sitzen, dass es oft um Lappalien geht, dass die aber immer wieder da landen.


Sie schreiben, Aron habe ein ehrliches Gesicht. Im zweiten Satz fragen Sie „Aber was bedeutet das schon?“

Ich werfe damit gleich das große Problem auf: Kann man ihm glauben? Das ist die Schwierigkeit im Amtsgericht. Vor dieser Herausforderung steht der Richter. Die Frage verweist schon auf die Stelle, die später kommt: Wer im Gericht neu ist, ist möglicherweise ein Stück weit naiv. Da ist ein sympathischer junger Mann, der einfach Mist gebaut hat. Man sitzt da und denkt: das ist doch ein guter Junge! Aber man kann nicht sicher sein, ob er nicht in drei Wochen schon wieder da steht.


Die Frage „Was bedeutet das schon?“  stellen Sie wortgleich ein zweites Mal, im viertletzten Absatz. Sie bildet eine Art Klammer.

Das weiß ich wohl. Ich glaube, es war unbewusst, aber im Nachhinein ist es mir aufgefallen. Es ist eine zentrale Frage: Ist das Wahrheit oder Schein?


Es gibt eine zweite Klammer im Text. Im zweiten Absatz erklären Sie: was ist und was tut ein Amtsgericht. Im vorletzten Absatz kommen Sie auf die Arbeit des Amtsrichters zurück, seine Freiheit, sein Risiko. So machen Sie den Text rund.

Das ist ein Faible von mir, dass ich am Ende noch mal zurückgehe. Die Gedanken, Überlegungen vom Anfang werden nochmal aufgegriffen, um den Text richtig abzuschließen. Nicht so platt, wie es oft passiert, manchmal wirkt es gewollt. Der Grat ist schmal. Ich passe auf, dass ich das nicht mit dem Dampfhammer mache. Ich möchte, dass der Leser eine Art Fazit ziehen kann.


Im letzten Absatz fiel mir der Rhythmus auf. Angeklagte und Zeugen, Gewalt und Lügen, Reue und Besserung. Es ist so ein a/b-a/b-Rhythmus, der den ganzen Absatz durchzieht.

Jetzt, wo Sie das so sagen... Das ist irgendwie so gekommen. Ich weiß oft nicht, warum. Ich hab aber das Gefühl, das ist stimmig.


Wenn ich frage, wo haben Sie so zu schreiben gelernt, was sagen Sie?

Ich würde sagen, ich hab mir das selbst beigebracht.


Die Lehrmeinung lautet, dass so ein Stilempfinden sich vor allem durch das Lesen bildet.

Das kann gut sein. Ich hab immer viel gelesen, und schon als Kind viel geschrieben. Ich hatte mit sechs Jahren meine erste Schreibmaschine, das war eine alte Olympia, wo man so doll in die Tasten hauen musste. Die Leute sagen heute noch zu mir: Was hauste so auf der Tastatur rum? Ich habe auch unglaublich viel gelesen. Wenn ich zum Geburtstag fünf Bücher geschenkt gekriegt habe, waren die nach einer Woche ausgelesen. Jetzt mit zwei Kindern ist es manchmal nicht so einfach, aber ich lese immer noch viel.

Das Gespräch führte Marie Lampert.

Storytelling als Auszug aus der Ideenwerkstatt des Medium Magazins downloaden (pdf)

zum Kommentar
zur Story
Storytelling downloaden (pdf)

 

 


Kontakt |  Impressum | 
  

Praxisbeispiel

Hier stellen wir monatlich einen Text vor, der mit Elementen des Storytelling gestaltet ist.

zum Text

Kommentar

Marie Lampert visualisiert die Struktur der Geschichte und analysiert ihre Zutaten.

zum Kommentar

Making of

Die Autorin, der Autor geben Aufschluss über ihren Zugang zum Thema und darüber, wie sie zur Form gefunden haben.

zum Making of

Ein Praxisbeispiel von

Sina Wilke

Sina Wilke, geboren 1979 in Flensburg, studierte Germanistik, Spanisch und Biologie in Bamberg, Potsdam und Havanna.
Sie volontierte beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) und arbeitete zunächst in der Lokalredaktion in Eutin. Seit 2012 ist sie Redakteurin in Teilzeit bei der Wochenendbeilage SH Journal des sh:z in Flensburg. Sina Wilke wohnt in Oxbüll bei Flensburg und hat zwei Kinder (zwei und fünf).