Storytelling
 
 


Der Amtsrichter Otto Witt in Eutin

Kommentar

 

Unaufdringlich präsent



storytelling lampert leiterSina Wilke porträtiert einen Richter und zugleich den Kosmos Amtsgericht. Sie führt ihre Leser, erklärt, deutet, ordnet ein. Ihre Stilmittel sind Fragen, Zitate und eine einfache Sprache. Die unaufdringliche Präsenz der Autorin und den Aufbau des Textes hat Brigitte Seibold ins Bild gesetzt.




Die Erzählerin



Die Fragen
Schon im ersten Absatz führt Sina Wilke eines ihrer zentralen Stilmittel ein. „Der Angeklagte hat ein ehrliches Gesicht. Aber was bedeutet das schon? ... Bekommt er eine Bewährungsstrafe? Eine Geldstrafe? Überhaupt eine Strafe?“ Mit ihren Fragen schafft sie Spannung und führt ins Zentrum des Textes. Ihr vierter Absatz besteht ausschließlich aus Fragen. Die Absätze fünf und sechs enden mit Fragen. Dann gibt es keine mehr bis kurz vor Schluß. Nur noch Absatz 21: „Ein milder Richter?“  Und  Absatz 23 „Aber was bedeutet das schon?“ Das ist die Frage aus Absatz eins, wortgleich. Im Making of erklärt Sina Wilke, warum sie so viel fragt.  


Die Zitate
In Absatz fünf, wenn schon acht Fragen abgefeuert sind, kommt das zentrale Stilmittel Nummer zwei ins Spiel: Zitate. Es sind viele, sie sind oft kurz und immer prägnant. „Bleiben Sie sitzen“. „Sie können es ja jetzt nicht mehr ändern.“ „Wenn man Richter ist, muss man demütig sein können.“ Die Zitate geben Antworten. Sie charakterisieren die Sprecher, vor allem aber Otto Witt.


Show and Tell
Sina Wilke behauptet, Otto Witt sei „kein Mann der Konventionen“. Das ist Telling. Wenn sie schreibt, „er betritt nicht in Robe den Verhandlungssaal“, und ihn zitiert mit „bleiben Sie sitzen“ ist das Showing. Ein Lehrsatz für das narrative Schreiben lautet „show, don’t tell“. Man soll nicht erwähnen oder behaupten, man soll zeigen. Sina Wilke macht häufig beides. Sie schreibt ihrem Protagonisten Eigenschaften zu –  er gehe bedächtig mit Macht um, sei unkonventionell, spreche nicht von einem hohen Amt herab. Und sie belegt ihre Zuschreibung mit Beobachtungen oder Zitaten.


Abstrakt und konkret
storytelling lampert leiterIm zweiten Absatz erklärt Sina Wilke Prinzipielles und ist zugleich maximal anschaulich. Wie das genau funktioniert, zeigt die Leiter der Erzählerin. Im amerikanischen „ladder of abstraction“. Die Leiter ist ein Hilfmittel. Weil die Autorin jede Sprosse vom Konkreten zum Abstrakten sorgfältig einpasst, sind die Leser perfekt bedient. Sie verstehen, wie ihre Erfahrungswelt (konkret) und die erste Instanz der Rechtssprechung (abstrakt) zusammenhängen.



Die Sprache
Etwas ist „dumm gelaufen“. Eine Straftat ist nicht „schlimm genug“ für das Landgericht. Umgangssprache holt das Thema näher an uns ran. Der Beschuldigte hat ein „ehrliches Gesicht“. Sina Wilkes Text ist gänzlich frei von Juristensprech. Sie formuliert kurz und klar. Oft auch rhythmisiert, wie bei der Aufzähling von Delikten im Absatz 2. Oder im letzten Absatz, in dem sie vier Wortpaare wie „Gewalt und Lügen“, „Reue und Besserung“ aufreiht. Und dann auch noch Zitate und Sätze parallel konstruiert. Das gibt eine schöne Melodie, und, so sagt die Autorin im Making of, es passiere eher, als dass sie konstruiere. Eher bemerke sie sowas im Nachhinein. Dass es aber passiert, hat Gründe. Der kultige Filmemacher Werner Herzog gibt seinen Filmstudierenden Pflichtlektüre auf. Sie müssen viel lesen. Er sagt „Wer nicht liest, wird nie ein großer Filmregisseur werden. Wenn Sie nicht lesen, werden sie allenfalls Mittelmaß.“


Der Bauplan
Sina Wilke hat zwei Recherchequellen, aus denen sie zwei Textebenen gewinnt. Die Verhandlung mit dem Beschuldigten Aron erzählt sie mit szenischen Einsprengseln (Absätze 1, 9, 14, 24 und 27). Das Gespräch mit Otto Witt ergibt die zweite Erzählebene. In beide Ebenen flicht sie Fakten und Kommentare ein.

1)   Aron steht vor Gericht, szenisch
2)    Das Amtsgericht, was da so verhandelt wird
3)    Die Angeklagten sind die Verlierer der Gesellschaft
4)    Wie geht das, urteilen?
5)    Otto Witt im Büro, Interviewsituation, szenisch
6)    Wenn man neu ist als Beobachter, denkt man...
7)    Wie Otto Witt einmal einen Hals bekam
8)    Wenn er Juristen ausbildet
9)    Aron und sein Vergehen, dialogisch, szenisch
10)    Otto Witt und die Konvention
11)    Otto Witt, die Vita in kurz
12)    Seine Freunde, seine Sprache
13)    Otto Witt kennt die Niederungen des Alltags
14)    Aron gesteht, szenisch
15)    Otto Witt gilt als milder Richter und wird dafür kritisiert
16)    „Wir dürfen einen Menschen nicht ausmustern“
17)    Vita Aron
18)    Otto Witt über „Demut“
19)    Otto Witt über die heutige Jugend
20)    Fallbeispiel brutaler Schläger
21)    Begegnung mit einem früheren Angeklagten
22)    Ein milder oder ein gerechter Richter?
23)    Stuhl-Urteile
24)    Aron, szenisch
25)    Der Jäger, der nicht schießt, Thema Macht
26)    Die Freiheit des Amtsrichters
27)    Ende des Verhandlungstags. „Das Leben ist auch so bunt“, szenisch

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Praxisbeispiel

Hier stellen wir monatlich einen Text vor, der mit Elementen des Storytelling gestaltet ist.

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Kommentar

Marie Lampert visualisiert die Struktur der Geschichte und analysiert ihre Zutaten.

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Making of

Die Autorin, der Autor geben Aufschluss über ihren Zugang zum Thema und darüber, wie sie zur Form gefunden haben.

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Ein Kommentar von


Marie Lampert


Marie Lampert arbeitet selbständig u. a. für die ABZV als Dozentin, Seminarleiterin und Redakteurin. Ihr Lehrbuch „Storytelling für Journalisten“ erscheint 2017 in der vierten Auflage (Co-Autor: Rolf Wespe).  www.marielampert.de

Schaubild von

Brigitte Seibold

Brigitte Seibold, Diplom-Ingenieurin und Erwachsenenpädagogin, arbeitet als selbständige Trainerin, Beraterin und Prozessbegleiterin. Sie ist darauf spezialisiert, das Potenzial von Visualisierung in der Arbeit mit Menschen und Organisationen zu nutzen. www.prozessbilder.de