Mai 2013
Die Häkelhelden und der Trend zur Handarbeit
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Da haben sich drei gefunden. Zwei Polizisten, die Mützen häkeln und eine Autorin, die dem Thema Do-it-Yourself nachgeht.
Martina Stöcker führt vom Besonderen zum Allgemeinen und retour. Ihre Geschichte macht Abstraktes konkret, lokal, und äußerst unterhaltsam.
An Schluss wartet eine Pointe. Und man weiß nicht recht, ob man jetzt eine Mütze bestellen oder lieber zur Häkelnadel greifen soll.
Rheinische Post, 30.3.2013 |
Entspannung pur: Selbst Polizisten häkeln
Tim Pittelkow und Carsten Krämer arbeiten bei der Hubschrauber-Staffel der Polizei. Nach Feierabend häkeln sie Mützen für ihr Label „Häkelhelden“. Bei vielen anderen wächst ebenfalls die Sehnsucht nach Selbstgemachtem.
Von Martina Stöcker
DÜSSELDORF Am Anfang ernteten Tim Pittelkow (33) und Carsten Krämer (36)
komische Blicke
, wenn sie von ihrer Masche redeten. Kettmaschen, Luftmaschen, halbe Stäbchen und Doppelstäbchen – mit diesen Begriffen konnten die Kollegen nichts anfangen. „Sie sagten: ,Früher haben wir über Autos und Kinofilme geredet – jetzt sprechen wir hier übers
Häkeln
’“, erzählt Tim Pittelkow. Mittlerweile haben sich aber die Männer der Polizeihubschrauber-Staffel am Düsseldorfer Flughafen mit dem Hobby der Kollegen
arrangiert
. Und sie haben bei ihnen schon die ersten Mützen
bestellt
. Die Polizisten Tim Pittelkow und Carsten Krämer sind die „Häkelhelden“. Unter diesem Namen vertreiben sie selbst gehäkelte Mützen (zwischen 25 bis 35 Euro) aus feiner Merino-Wolle. Fünf Euro pro Verkauf gehen als Spende an den „Weißen Ring“, der sich um Kriminalitätsopfer kümmert. Vier Häkelnadeln in Handschellen sind das
Logo
der handarbeitenden Helden.
Erste Versuche
Tim Pittelkow machte den Anfang, als er im April vergangenen Jahres eine Mütze im Internet bestellt hatte, die ihm nicht
gefiel
. „So schwer kann das doch nicht sein“, dachte er sich und brachte sich mit Videos aus dem Internet die Maschentechnik selbst bei. Nach mehreren Versuchen, die eher an Sombreros und Klodeckel-Abdeckungen erinnerten, nahm das Werk aus Wolle langsam, aber sicher eine mützenartige Form an. Kollege Carsten belächelte die Häkelei erst, wollte aber dann auch solch eine coole Mütze
haben
. „Was der kann, kann ich auch“, dachte er sich und legte ebenfalls los. Und so häkeln die beiden nach dem Dienst, bis ihre Frauen von der Arbeit nach Hause kommen. Oder sie greifen abends beim Fernsehen zu Nadel und Knäuel. Der Kopf schaltet ab, die Hände sind beschäftigt. „Das ist Entspannung pur“, sagen sie. Und: „Unsere Mützen sind 100 Prozent Handarbeit.“
Trendsport Stricken
„Do it Yourself“ (DIY)
– mach es selbst – liegt derzeit voll im
Trend
. Besonders das früher als piefig empfundene Handarbeiten hat sein Image total
gewandelt
. Mit Hippies oder Ökos hat es nichts mehr zu tun: Kaum ein Hochglanzmagazin zu Wohnen und Lebensstil kommt derzeit ohne gestrickte oder gehäkelte Accessoires aus – sei es zum Beispiel ein Pouf oder ein Kissen. Läden für Stoffe und Nähbedarf eröffnen wieder, nachdem es lange Zeit kaum möglich war, in einer Stadt einen Knopf zu kaufen. Verkaufsportale wie dawanda.de oder etsy.de boomen und sind Plattform für Kreative, deren Freunde und Verwandte schon mit selbst gestrickten Socken oder Handy-Täschchen überversorgt sind. In Städten wie Hamburg, Berlin oder Düsseldorf treffen sich Strickclubs (meist Frauen) in Cafés oder Kneipen zum gemeinsamen Stricken und
Schnacken
.
Wachsende Umsätze
Auch Superstars wie Popsängerin Madonna oder die Schauspieler Sarah Jessica Parker und Ryan Gosling bekennen sich zum Stricken. Der Gesamtmarkt für Handarbeitsbedarf ist im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz gewachsen. Besonders groß waren die Zuwächse in den Bereichen Handstrickgarne und Nähen, teilt die „Initiative Handarbeit“ mit, der Verband der führenden Anbieter dieser Branche. Mittlerweile geben 58 Prozent der Frauen in Deutschland Handarbeiten als Hobby an – rund ein Viertel dieser Frauen ist jünger als
40 Jahre
.
Schnelle Erfolge
Beate Löddenkötter strickt, seitdem sie 15 Jahre alt ist. In ihrem Laden „Vielfach“ in
Düsseldorf-Pempelfort
bietet sie Strickkurse an. Die sind sehr gefragt. „Es kommen viele jüngere Frauen zu mir, die sagen: ,Meine Mutter kann mir Stricken nicht beibringen – sie kann es selbst nicht’“, sagt die 49-Jährige. Die Industrie hat sich auf die Neu-Einsteiger eingestellt. Mit dicken Nadeln und vielfarbiger dicker Wolle lassen sich etwa Loop-Schals im Nullkomma- nix selbst stricken. Das schnelle Erfolgserlebnis ist garantiert.
Schön anzufassen
Die moderne Arbeitswelt ist ein Grund für den Wunsch vieler Menschen, die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen. Denn diese zwei Exemplare à fünf Finger sind nicht nur dazu da, über Displays zu wischen oder mit einer Computermaus zu klicken. Beim Stricken oder Häkeln gleitet die weiche Wolle durch die Finger; solch eine Arbeit stiftet eine besondere Beziehung zwischen dem Produkt und seinem Macher, die in einer industrialisierten Welt kaum noch erfahrbar ist. Jedes handgearbeitete Stück ist ein Unikat, weit weg von Massenware.
Socken fürs Leben
So gehören Handarbeit und Nachhaltigkeit fest zusammen. „Etwas Eigenes hat einen besonderen Wert: Selbst gestrickte Socken würde ich immer stopfen und nicht wegwerfen“, sagt Beate Löddenkötter. DIY ist auch ein Mittel zum Selbstmarketing: Man stellt sich als Individuum dar und erfährt
Anerkennung
. So durchströmt jeden ein besonderes Gefühl, wenn er angesichts eines selbst genähten Kleides sagen kann: „Das habe ich selbst gemacht.“
Die Baby-Kollektion
Ihre erste selbst gehäkelte Mütze halten Tim Pittelkow und Carsten Krämer in Ehren. „Sie wird mit Stolz getragen“,
sagen sie
. Und Carsten Krämer hat schon das nächste Projekt im Blick: Ende April wird er zum ersten Mal
Vater
. „Meine Tochter wird vermutlich alle zwei Monate eine neue Mütze bekommen.“ Das erste selbst gehäkelte Exemplar hat ihm allerdings schon ein Freund für sein Baby
abgeschwatzt
.
Wir danken Martina Stöcker und der Rheinischen Post für das kostenfreie Überlassen der Rechte.
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