Storytelling
 

Folge 33


Ein historischer Gedenktag




Wo finde ich die Geschichte zu einem historischen Datum, wenn sei nicht im Gestern, sondern im Heute spielen soll? Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt und die Recherchezeit knapp ist? Jan Sternberg löst die Aufgabe mit einem Ortsbesuch.

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 30. August 2014

 

„Achtung! Hier ist Gleiwitz!“

Vor 75 Jahren begann mit einem fingierten Überfall auf den Sender in Oberschlesien der Zweite Weltkrieg – ein Ortsbesuch

Von Jan Sternberg

(1) Gliwice. Auf einem Brett vor dem Schaltschrank steht das Mikrofon. Schwer liegt das tarngrüne Ding in der Hand. Es ist zwar nicht das Original, räumt Andrzej Jarczewski ein, aber vermutlich baugleich. Ein Mikrofon, wie es am Abend des 31. August 1939 eingestöpselt wurde, um das Programm des Reichssenders Breslau zu unterbrechen. „Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand“, so lautete der vorbereitete Text des SS-Kommandos, das am Vorabend des Zweiten Weltkrieges einen polnischen Überfall auf den deutschen Sender vortäuschte.

(2) Jarczewski, 64, verwaltet seit mehr als zehn Jahren das kleine Museum auf dem Gelände des Senders Gleiwitz. Auf seiner Visitenkarte steht „Klucznik“, zu Deutsch „Schließer“, aber das ist eine ironische Untertreibung. Der studierte Elektrotechniker und Philologe Jarczewski ist mit dem Sender quasi verheiratet. Als die Stadt ihn 2011 entließ, stieg er aus Protest auf den 118 Meter hohen, aus Lärchenholz erbauten Funkturm. Er wurde nach zwei Tagen von der Polizei wieder heruntergeholt. Nun ist er wieder auf dem Sender.


(3) Wenn Besuchergruppen kommen, beobachtet Jarczewski genau, was mit dem Mikrofon passiert. „Jeden Tag nimmt es jemand in die Hand“, sagt er, „aber noch nie hat einer etwas hineingesprochen. Die Leute trauen sich nicht.“ Niemand ruft: „Achtung! Hier ist Gleiwitz!“ Als würden diese Worte noch heute sofort einen Krieg auslösen. Selbst die Schülergruppen, mit denen Jarczewski gern den Überfall nachspielt, sind eingeschüchtert von dem schweren Ding. „Was soll ich sagen?“, fragen sie den bärtigen Museumsleiter leise.

(4) Der Sender Gleiwitz liegt außerhalb des Zentrums auf einer Anhöhe. Der auffällige Funkturm erfüllt noch heute seinen Zweck. Er sendet. Zwar nicht mehr fürs Radio, aber für verschiedene Handynetze. So finanziert das Denkmal seinen Unterhalt. Zwischen der alten Sendestation und dem Turm hat die Stadt einen Park angelegt. Ein kleiner Junge übt Rad fahren, an einem der Brunnen sonnen sich fünf junge Leute in der Augustsonne. Sie bespritzen sich gegenseitig mit Wasser und interessieren sich nicht wirklich für die Vergangenheit. Der 23-jährige Szymon zeigt auf das Sendergebäude: „Da sind damals Deutsche in polnischen Uniformen eingedrungen“, referiert er, „und da sind viele Leute ums Leben gekommen. Aber für uns hat das heute keine Bedeutung mehr.“

(5) Andrzej Jarczewski würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, hätte er Szymons Worte gehört. Die Deutschen trugen Räuberzivil, keine polnischen Uniformen. Und es gab nur einen Toten: Den 41-jährigen Oberschlesier Franz Honiok, der vorher von der SS entführt und betäubt wurde. Er gilt als der erste Tote des Zweiten Weltkriegs – und ist zugleich ein Symbol dafür, dass in dieser Region Grenzen und Zugehörigkeiten nie so einfach sind, wie sie scheinen. Honiok lebte auf der deutschen Seite der Grenze, doch er war „polnisch gesinnt“, wie es der Historiker und Journalist Dawid Smolorz ausdrückt. Honiok hatte 1920 in den Guerillakämpfen um Oberschlesien mit weiß-roter Armbinde auf polnischer Seite teilgenommen. Das wussten die Nazis noch 20 Jahre später. Honiok war das perfekte Opfer für die Gleiwitzer Inszenierung. Eigentlich. „Aber die Deutschen haben seinen Namen gar nicht genannt“, wundert sich Smolorz.

(6) Smolorz, 43, ist perfekt zweisprachig, er bezeichnet sich als Oberschlesier, als Einheimischer und als „deutsch gesinnt“. Das sind die Kategorien, in denen er seinen Platz in der Gleiwitzer Gemengelage erklärt. Einheimische nennt er die Familien, die schon vor 1945 in der Gegend lebten, nicht die aus Ostgalizien Vertriebenen, die seit Kriegsende die Mehrheit in der Stadt stellen. Welche Rolle spielt das heute noch, im modernen EU-Polen, in dem die Globalisierung der 200 000-Einwohner-Stadt Gliwice unter anderem zwei Autobahnen und eine Opel-Fabrik beschert hat? „Eine große“, sagt Smolorz. Um das zu erklären, redet er über Fußball: Als „Einheimischer“ ist er Fan des Arbeitervereins Górnik Zabrze, dort führten Fans lange Zeit eine schwarz-rot-goldene Fahne mit. Den Fans von Ruch Chorzów, einem weiteren Erstligaklub des Kohlereviers, verbot der polnische Fußballverband, ein Banner mit der deutschen Aufschrift „Oberschlesien“ zu zeigen. Piast Gliwice, der Gleiwitzer Erstligist, wurde 1945 von Neuankömmlingen gegründet, Smolorz nennt ihn „einen polnischen Verein, der in Oberschlesien spielt“.

(7) Smolorz kommt aus dem Vorort Sosnica. Dort wurde auch Lukas Podolski geboren, im Alter von zwei Jahren zog der heutige deutsche Fußball-Nationalspieler mit seinen Eltern ins Rheinland. Auch Podolski aber schwärmt von Górnik Zabrze – und macht jeden Sommer Station bei seiner Oma in Sosnica. „Vergiss niemals, wo du herkommst“, schrieb er vor Kurzem unter ein Foto ihres Hauses. Das Bergarbeiter-Reihenhaus ist grau und verwittert, es passt ins Klischee vom tristen Kohlerevier. Doch in Gliwice schaffen sie diese Vorstellung aus der Welt, sie bauen, renovieren, planieren. Selbst in Sosnica ist das zu spüren. Fast die ganze Siedlung ist aufgehübscht. Babcia Podolskas Haus ist eines der letzten, die noch auf die Sanierung warten. Unweit davon wird eine neue Schnellstraße nach Kattowitz angelegt, daneben wächst die neue Mehrzweckhalle in den Himmel, „nach europäischem Standard“. 2015 soll die Arena mit knapp 14 000 Plätzen fertig werden.

(8) In einer einzigen Zeche in Sosnica wird noch Steinkohle abgebaut. Die alte Grube Gliwice aber ist geschlossen und auf Zukunft getrimmt: Im restaurierten Zechengebäude und in den neuen Flachbauten drum herum sitzen Hightech-Firmen mit Namen wie „Future Processing“. Auch ein neues Logo hat sich die Stadt gegönnt – ausgerechnet den Funkturm. Mit der Propaganda-Aktion der Nazis verbinden die meisten jungen Gleiwitzer nichts mehr. Für sie beginnt am 1. September nicht der Krieg, sondern die Schule. In den Kneipen rund um den mittelalterlichen Marktplatz trinken sie sich ins letze Ferienwochenende. „Gliwice ist todlangweilig“, klagt die blonde Julia. „Es gibt vielleicht fünf gute Kneipen. Das war’s.“ Die Radiostacja? Schweigen . Das Stadtlogo mit dem Turm stammt von einem Krakauer Designbüro und ist „zwar schön, aber schlicht falsch“, wie Andrzej Jarczewski mit feinem Lächeln anmerkt. „Es sieht aus wie der Eiffelturm, das hat mit unserem Turm aber nichts zu tun.“

(9) Der inszenierte Überfall auf den Sender Gleiwitz verfehlte seine Propagandawirkung: Die SS hatte keinen reichweitenstarken Radiosender überfallen, sondern nur eine regionale Verstärkerstation für den Sender Breslau. Das „Achtung! Hier ist Gleiwitz!“ hörte niemand in Berlin, niemand in London oder Paris. SS-Sicherheitschef Reinhard Heydrich soll getobt haben. Für Jarczewski aber hat die Aktion dennoch ihre Bedeutung, bis heute. 1939 war das Radio das modernste Medium, entsprechend spektakulär sollte die Aktion wirken. „Und heute wird der Krieg um die Ukraine auch auf Facebook geführt, merkt Jarczewski an, „von Putins Cyber-Armee“. 

(10) Am Sonntag kommen die Vorsitzenden der deutschen und polnischen Bischofskonferenzen, Reinhard Kardinal Marx und Erzbischof Stanislaw Gadecki, zu einer Gedenkfeier zum Sender. Auch 75 Jahre nach der Inszenierung von Gleiwitz spielt der hölzerne Turm noch seine Rolle. Jetzt aber im Sinne der Erinnerung und Völkerverständigung .

Wir danken Jan Sternberg, Grazyna Böhm (Foto) und der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung für das kostenfreie Überlassen der Rechte.


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Marie Lampert, Mitarbeiterin der ABZV, visualisiert die Struktur der Geschichte und analysiert ihre Zutaten.

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