Storytelling
 

Folge 36


Männergesangsverein im Schwarzwald


Kommt eine junge Frau zum Männerchor. Lauscht, schaut und spürt: Ihr geht das Herz auf. Dem Leser geht`s genauso.

Was er nicht ahnt: Die Autorin ist Anfängerin im Reportageschreiben. Womit sie kämpft, wie sie die Krise bewältigt und nachher alles noch gut wird, erzählt sie im Making of.

Stuttgarter Zeitung 3. Februar 2015

 

Schwarzwaldmelodie


Harmonie  Jeden Mittwoch trifft sich im Schollacher Bierhäusle der Männerchor und singt von Sehnsucht, Natur und Heimat - seit 1951. Einige Stimmen sind mit der Zeit brüchig geworden, andere schon für immer verstummt. Die Musik bleibt.


Jessica Sabasch

(1) Von der Theke bis zum Klavier sind es fünf Schritte. Über dem Tresen sitzt ein ausgestopfter Auerhahn, ein Wildschweinkopf wacht über dem Klavier . Dazwischen sitzen 22 Männer mit Notenblättern in der Hand. Lichte Hinterköpfe, karierte Hemden. Strickwesten. Brillen. Sie sind Urgroßväter, Großväter, Väter. Witwer. Geschieden. Verheiratet. Zwei ewige Junggesellen. Der älteste Sänger ist 87, der jüngste 45 Jahre alt. Sitzt man hinter ihnen, scheint es, als könne man ihnen ihr Alter an der Größe der Ohren ablesen.

(2) Der Männergesangsverein Harmonie trifft sich jeden Mittwoch zur Chorprobe im Bierhäusle des Örtchens Schollach im Hochschwarzwald. Seit 1951. Das Gründungsjahr der Harmonie ist das Geburtsjahr ihres heutigen Dirigenten. Alfred Schnekenburger - markantes Kinn, weißer Schnauzer, Nase! - steht unter dem Keilerkopf und ist nicht zufrieden: „Des war it suhber, des machä mer no mohl. Hän'er die Stell im erschde Bass? No mohl die Tenör vo vornä.“ Er hebt die Arme. Seine Bewegungen sind zackig und doch fließend. „Trotz eiherm Alter kriegä mer des na. Erschd Bass, bevor ihr mir ischlohfä.“ Die Männer stimmen „Der Vogel, der sein Liedchen singt“ an. Ein Stück des Schwarzwälder Komponisten Hans Friedrich Micheelsen, das stellenweise klingt wie eine Tonleiter.

(3) Erst übt jede Stimme einzeln, dann singen alle gemeinsam: „Weil. Weil. Weil. Weil. Weil er es für richtig hält und weil es ihm gut gefällt, singt er uns sein kleines Lied.“ Die Stimmen klingen kräftig. Die Sänger üben, bis der schwierige Übergang sitzt. Der Dirigent ist streng. Aber auch einer, der Spaß vertragen kann. Es ist nicht immer einfach mit seinen Herrschaften. Er muss auf sie eingehen. Die Gesichter bei Laune halten, nennt er das.

(4) Die Männer singen mit weit geöffneten Mündern. Konzentrierte Gesichter. Vereinzelt Husten. Naseschnäuzen. „Süße Lieder tiiief in unsrer Brust.“ Mit jedem Atemzug sitzen sie ein Stück aufrechter da. Der Schwarzwälder trägt sein Herz nicht auf der Zunge, außer beim Singen - da weicht die Zurückhaltung großen Gefühlen. Die Stimmen der Männer erfüllen die ganze Wirtsstube. Der Vogel, von dem sie singen, flattert jetzt über ihre Köpfe hinweg.

Guscht, der Wirt, singt auch mit

(5) Auch Guscht, der Wirt vom Bierhäusle, ein überzeugter Junggeselle, singt mit. „Zweiter Bass seit 1955.“ Auf dem Tresen stehen gefüllte Gläser bereit, die der 80-Jährige für seine ­Sangeskameraden eingeschenkt hat. Guscht kommt aus einer Jägerfamilie. Deshalb gehören zur Vereinsprobe auch die erlegten Rehe, Gemsen und Iltisse an den Wänden. „O Schwarzwald deine Berge, dein Wald und deine Luft, freie sonn'ge Höhen umwogt von harz'gem Duft.“ Obwohl die Uhr an der Wand fünf Minuten vorgeht, scheint im Bierhäusle die Zeit stehen geblieben zu sein.

(6) Das alte Haus mit den verwitterten Holzschindeln wurde 1572 erbaut. Die Kneipe ist der einzige öffentliche Ort in dem Ort, der 220 Einwohner, eine Kirche, einen Friedhof und ein kleines Schlachthaus hat. Die Schollacher Höfe liegen weit verstreut. Durch das Tal führt eine schwach befahrene Straße, an deren Rand manchmal Kühe grasen.

(7) Der 87-jährige Raimund Kleiser - weißes Haar, blaue blitzende Augen - wohnt in der Nähe vom Bierhäusle und fährt jeden Mittwoch mit dem Rad zur Probe. „Wen i nimi nufkähm, dät i verödä“, sagt der gebürtige Schollacher. Nicht mehr aufs Rad zu kommen, nicht mehr den Buckel zum Bierhäusle raufzufahren, das kann er sich nicht vorstellen. Die Proben sind für das älteste Chormitglied nach dem Tod seiner Frau vor 14 Jahren elementar geworden: „Drum bin i no do.“ Er singt länger, als er verheiratet war: erster Tenor seit 65 Jahren.

(8) Raimund Kleiser ist jeden Tag unterwegs. Mit dem Auto, mit dem Rad. Bei schönem Wetter wandert er. Zum Kaffeetrinken fährt er oft nach Neustadt. Er weiß, dass es an ihm liegt rauszugehen, solange er noch kann.

(9) Kurz nach neun: die Probe ist vorbei. Das Klavier wird mit vereinten Kräften zurück an die Wand gerückt. Die Tische werden zusammengeschoben. „Mir trinkä gern ä Bier mitnand“, sagt der Schriftführer. Der Mittwochabend ist für die Männer ein fester Termin in der Woche. Struktur und Anker. Das Zusammensitzen nach der Probe hat für sie den gleichen Stellenwert wie das Singen selbst. Still zu sitzen sei nicht sein Ding, sagt der Dirigent. Er legt eine halbvolle Bierflasche auf den Tisch, stellt sein Glas darunter, als zapfe er sich am Tisch ein Bier. Obwohl er jünger ist als die meisten seiner Sänger, hat er etwas Väterliches. Er klopft ihnen auf die Schulter, macht Späße.

(10) Mit vier Jahren saß Alfred Schnekenburger zum ersten Mal am Klavier. Mit fünf bekam er Klavierunterricht. „Spiel du die Kirchenorgel“, sagte der Pfarrer, als er zwölf war. Mit 19 fing er an zu singen. Mit Mitte zwanzig leitete er seinen ersten Chor. Schnekenburger besuchte die internationale Musikschule Hohenlohe, später machte er die Chorleiterausbildung.

(11) Zum Beruf hat er die Musik trotzdem nicht gemacht. Er wurde Techniker. Heute arbeitet der 63-Jährige an der Hochschule Furtwangen, Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen. Die Musik zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Immer war da jemand - aus der Kirche oder aus dem Gemeinderat -, der ihn zum Musikmachen ermutigte, anheuerte. Alfred Schnekenburger hat schon Chöre mit 48 Sängern aller Altersstufen geleitet, bevor er zur Harmonie kam.

Die schöne Bäckerin von Neustadt

(12) Jeden Mittwoch fährt der Dirigent 30 Kilometer aus Mönchweiler nach Schollach. Es war für ihn eine Herausforderung, als er den Chor vor zwölf Jahren übernahm. Der Harmonie war kurz vor dem 50-Jahr-Jubiläum der damalige Dirigent weggestorben. Es habe eine Weile gebraucht, bis die Sänger mit ihm warm geworden seien, sagt Schnekenburger. Irgendwann hätten sie erkannt, dass sie besser wurden. Dass sie es ihrem Dirigenten zu verdanken hatten. Heute streiten sich die Männer darum, ihm nach der Probe das Bier zu zahlen. Es ist ihre Art, ihm ohne viele Worte zu zeigen, dass sie ihn schätzen.

(13) Die Tür geht auf. Ein junger Mann betritt die Wirtsstube, wird begrüßt. „N’obä mitnand.“ Franz Müller, 45, ist das jüngste Chormitglied. Er konnte an diesem Abend nicht mitsingen, weil er mit der örtlichen Theatergruppe probte. Jetzt kommt er, um seinen 82-jährigen Vater abzuholen. Alois Müller singt seit 60 Jahren bei der Harmonie. Erster Tenor, genau wie sein Sohn. Vor ein paar Tagen hat der Senior sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen. Kaum wieder auf den Beinen, wollte er unbedingt zur Probe ins Bierhäusle. Alois sitzt mit seinen Kameraden am Tisch, trinkt eine Apfelschorle. Sein Sohn setzt sich noch für ein Getränk dazu. Zu den Proben kommt der Familienvater gern, 'es ist eine gesellige Sache'. Er nimmt eine Packung Salzstangen aus einem der Körbchen auf dem Tisch.

(14) Neben Alois Müller sitzt Raimund Kleiser und erzählt einen Schwank von der schönen Bäckerin in Neustadt, die ihm heute nur eine statt drei Brezeln einpackte. Guscht trägt leere Gläser zum Tresen. „Singa mr noch was Ge­diegenes?“, fragt Alfred Schnekenburger. Die Männer heben an: „Wenn doch das Meer aus Wein nur wär - und das Gebirge wär aus Schinken. Wenn du dann kommst zu mir zurück - wie wollten glücklich wir sein.“ Da liegt viel Sehnsucht und Melancholie drin. Moderne Lieder möchten sie lieber nicht singen. „Me sin doch alti Kerli, des passt it zu ihs“, sagt Raimund Kleiser. Für Franz Müller ist der Mittwochabend ein Ausflug in eine andere Welt. Er bewundert die Alten, ihre Lebenserfahrung. Er erfährt etwas von deren Ängsten und Sorgen. Jede Generation hat ihre eigenen.

(15) Und natürlich ist da immer wieder das Thema Tod, der die Harmonie nicht verschont. In den vergangenen Jahren sind einige Sänger gebrechlich geworden. Alfred Schnekenburger muss aushalten, dass sie nach und nach sterben: „Man wartet auf den Tod.“ Einmal, vor vier Jahren, war der Dirigent der Harmonie kurz davor aufzugeben. Zwei gute Sänger waren gerade gestorben. Aber weil sich die Qualität des Chores längst herumgesprochen hatte und sich andernorts Gesangsvereine auflösten, kamen neue Sänger aus den umliegenden Gemeinden nach Schollach. Mit vereinter Sangeskraft erhalten sie die Harmonie am Leben.

(16) Vier-, fünfmal im Jahr treten die Sänger noch auf. Sie geben gemeinsam mit anderen Chören Konzerte. Sie singen auf Beerdigungen, gestalten Gottesdienste mit. Wenige Tage nach der Probe singen Raimund Kleiser, Franz Müller, Guscht und die anderen im fünf Kilometer entfernten Hammereisenbach in der Johanneskirche. Alois Müller liegt wieder im Krankenhaus. Es ist ihm arg, dass er nicht mitsingen kann. Vor dem Altar wirken die Sänger ein Stück größer als in der Probe. Stolz und aufrecht stehen sie da. Rot-goldene Westen, weiße Hemden. Um den Kragen ordentlich gebundene Schleifen. Was schon in der Probe festlich klang - die sonoren Stimmen der Männer -, wird von der Akustik der Kirche noch mehr getragen. Mit klaren Stimmen singen sie das Vaterunser, stellvertretend für die ganze Gemeinde. Die Kirche ist voll bis auf den letzten Platz. Einige Besucher lauschen ihnen im Stehen. Unter ihnen Dorfbewohner der umliegenden Gemeinden und Angehörige der Chormitglieder. Kaum junge Menschen.

(17) Die Männer des Harmoniechors singen auch zum Gedenken an einen Mitsänger, der im vergangenen Jahr gestorben ist. Es ist die feierliche Version ihres Rituals, das am Ende jeder Chorprobe steht: Jedem Kameraden, der sich auf den Heimweg macht, singen die Männer ein „Leb Wohl, auf Wiedersehen“. Und der Letzte, der die Tür des Bierhäusles hinter sich schließt, singt für sich selbst.

(18) Durch ein Kirchenfenster von Sankt Johann strahlt Sonnenlicht auf Alfred Schnekenburgers Hände. Helles Licht fällt auch in die Gesichter der Sänger - wie eine Aufforderung von oben weiterzumachen, weiterzusingen. Bis dass der Tod sie scheidet.

Wir danken Jessica Sabasch, Uli Reinhardt und der Stuttgarter Zeitung für das kostenfreie Überlassen der Rechte.

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Marie Lampert, Mitarbeiterin der ABZV, visualisiert die Struktur der Geschichte und analysiert ihre Zutaten.

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