Storytelling
 

Folge 43


Tröglitz in Sachsen-Anhalt und sein Ex-Bürgermeister

Storytelling Lampert tröglitz Katja Bauer

Was bewegt Markus Nierth? Was ist das für einer, der jetzt noch ein Begegnungszentrum plant, nach seinem Rücktritt als Bürgermeister, nach dem Brand des Heimes für Flüchtlinge?

Katja Bauer geht es nicht um Empathie, ihr geht es um Politik. So wählt sie den Aufbau ihres Textes und den Ton.

Stuttgarter Zeitung, 10. Oktober 2015

 

Wegziehen kommt nicht in Frage


Nach seinem Rücktritt erhielt Markus Nierth, einst Tröglitzer Ortsbürgermeister, jede Woche ein Kuvert gefüllt mit Kot. Das mit den Anfeindungen hat nachgelassen – der Unermüdliche plant bereits ein Begegnungszentrum für Flüchtlinge.


Von Katja Bauer

(1) Es kann einem Eigenartiges passieren, wenn man in Tröglitz durch die Ernst-Thälmann-Straße geht, vorbei an der Brandruine des Hauses, das mal ein Flüchtlingsheim hat werden sollen, aber dann am Ostersamstag in Flammen aufging. Das Haus ist einer von vielen Wohnblöcken aus den 30er Jahren, die sich hier aneinanderreihen.

(2) Autos rappeln übers Kopfsteinpflaster in Richtung Friedensplatz, dem, wenn man so will, zentralsten Ort des Dorfes, einem Karree mit Post, einer alten DDR-Grundschule und einem geschlossenen Supermarkt. Wenn man hier entlanggeht, einfach auf dem Trottoir unter hohen Baumkronen, und dabei ein paar Kastanien aufsammelt, dann kann es passieren, dass man gefragt wird: „Sind das Ihre Kastanien?“ Der Ton ist scharf. Eine Frau aus einem Wohnblock steht in der Haustür, Jogginghose, burgunderroter Kurzhaarschnitt. Schweigen. Die Frage geht prompt zurück: „Sind es denn Ihre?“ Die Frau schnaubt. „Also, ich wohne hier.

(3) Als Fremder fällt man schnell auf in Tröglitz, erst recht seit diesem Frühjahr. Seit auf einmal ganz Deutschland über den kleinen Ort geredet hat. Das Haus stand in Flammen, der Dachstuhl brannte in der Nacht, am Morgen stank es. Die Fotos von den verkohlten Dachbalken, die wie ein Gerippe in den blauen Himmel stachen, wurden zum Zeichen für die Sorge, dass der Fremdenhass sich Bahn zu brechen drohte in Deutschland.

(4) Gebrannt hatte es vorher schon woanders, in Dresden, Freiberg, Escheburg. Und nachher auch. Die Zahl der Anschläge auf Unterkünfte für Flüchtlinge steigt. Seit Jahresbeginn wurden 490 Einrichtungen für Flüchtlinge angegriffen, mehr als doppelt so viele wie im ganzen Vorjahr. Aber Tröglitz wurde zu einem Symbolbegriff, zu einem jener Ereignisse, an denen Debatten sich wenden. Es ist nicht immer logisch erklärbar, was zusammenkommt, damit aus dem Strom der schlechten Nachrichten eine einzige uns besonders aufrüttelt, besorgt oder erzürnt.

(5) In Tröglitz hat das mit Markus Nierth zu tun. Nierth war im Frühjahr noch Bürgermeister hier, ein Theologe, parteilos für die CDU im Amt seit sechs Jahren, ein ehrenamtlicher Macher. Vier Wochen vor dem Brandanschlag trat Nierth zurück, weil ein NPD-Kreisrat nach wochenlangen „Spaziergängen“ schließlich eine Demo gegen die Flüchtlingsunterkunft bis vor dessen Privathaus organisierte. Nierth, Vater von sieben Kindern, fühlte sich von der Versammlungsbehörde im Stich gelassen, die nichts gegen die Route unternahm. Er war der erste kommunale Politiker, der laut und deutlich über den Druck sprach, dem er als Person ausgesetzt ist, über Anfeindungen, Drohungen, Hass.

(6) Dann kam das Feuer. Tröglitz wurde zum Ort der Schande. Es kamen der Landrat, der Ministerpräsident, das Landeskriminalamt, die Medien. Sie sind alle wieder weg. Markus Nierth ist noch da. Das hier ist sein Zuhause. Die Ernst-Thälmann-Straße mündet an ihrem oberen Ende in den Rest eines Haufendorfs, das mal Burtschütz hieß. Es müssen reiche Bauern hier gelebt haben, die Höfe haben gewaltige Mauern.

(7) Manche Dorfbewohner schauen jetzt zur Seite, wenn sie hier auf der Straße Markus Nierth treffen. Oder sie ziehen die Augenbrauen gerade so weit hoch, dass man das als Grüßen begreifen kann. Nach dem Rücktritt hat ihm eine Frau zugeflüstert, die Straße, in der sie wohne, stehe hinter ihm. Es gibt wenige, die ihn darauf ansprechen, was in den letzten Monaten passiert ist. Manche sagen ihm, dass er mediengeil ist und seine Frau in Wirklichkeit ja auch eine Fremde ist, aus Norddeutschland. Dass er das Dorf um seine Ruhe gebracht hat. Und dass er sich vielleicht an den Flüchtlingen persönlich bereichern will.

(8) Die meisten schweigen. Sie müßten sonst diskutieren. Der Markus, wie ihn fast alle nennen, ist keiner, der ausweicht. Er ist ja mit Absicht immer mittendrin.

(9) Als Nierth 1998 hierherkam, da hat er sich den alten Gasthof gekauft, genau in der Mitte des Dorfs. Ein Riesenkasten, eine Ruine, Fachwerk mit Tanzsaal, Stiegen, Innenhof. Jahrelang hat er dran rumgebaut, hat Dächer gedeckt, renoviert, gehämmert. Die Tröglitzer haben zugeschaut, wie einer Wurzeln schlägt. Nierth hat sie nicht zuschauen lassen. Er hat sie angesprochen, gegrüßt, ins Gespräch verwickelt, sie in seine vielen Projekte eingebunden. Er kann zu sehr vielen Leuten im Dorf eine Geschichte erzählen. Nierth ist ein Kümmerer, einer, der fest daran glaubt, dass aus Zuwendung auch im abgestorbensten Ort Gemeinschaft entstehen kann. Oder glaubte.

(10) Als er herzog, da hat er gewusst, dass nicht alles gut ist hier im Land. Dass die Arbeitslosigkeit hoch ist, dass es wenig Jugendbetreuung gibt, dass viele Menschen sich als Verlierer fühlen. Dass sie allesamt einen Systembruch verkraften mussten, der einen aus der Kurve tragen kann. Er sagt, viele hätten „den inneren Anschluss an die Gesellschaft“ verpasst, und nun verharrten sie in einer Art aggressiven Passivität. In Tröglitz sah er zudem ein ganz besonderes Problem: „Hier konnte kein sozialer Zusammenhalt entstehen“, sagt Nierth. „Der Ort hat keine gewachsene Struktur, kaum Zivilgesellschaft.“ Und er hat seine Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet.

(11) Tröglitz war keine Gemeinde, sie wurde 1937 von den Nationalsozialisten am Reißbrett entworfen, als Siedlung für Arbeiter der Braunkohle-Benzin AG. Die IG Farben wandelte Kohle in Treibstoff um. Sie siedelte Arbeiter aus allen Teilen des Reichs an. Man kann das nirgends erfahren, wenn man hier herumspaziert.

(12) Und nichts erinnert an das Grauen des letzten Kriegsjahres. Nach einem Fliegerangriff 1944 brauchte Tröglitz Arbeiter. Die SS errichtete ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. 5000 Menschen hausten bei Tröglitz in einer Zeltstadt und später in nahen Baracken. Tausende starben an Unterernährung, Misshandlung, Gewalt. Einer der Häftlinge war der ungarische Jude und Schriftsteller Imre Kertész. Der Nobelpreisträger hat die Zeltstadt in seinem „Roman eines Schicksallosen“ beschrieben. In Tröglitz heißt nicht einmal eine Straße nach ihm.

(13) Markus Nierth bemüht diese Vergangenheit nicht für eine psychologische Erklärung der Gegenwart. Er sitzt an diesem Nachmittag in seinem Arbeitszimmer, dunkler Gründerzeitschreibtisch, jägergrüne Wände, der Hund kaut schmatzend und knirschend an einem Stück Holz herum. Das Tier ist jung, man fragt sich, ob die Familie sich nach einem Wächter sehnte. Wie geht es jetzt für die Nierths weiter? „Ich weiß es einfach wirklich nicht.“ Schweigen? Wegziehen? Undenkbar. „Aber“, sagt Nierth, „es kostet alles sehr viel Kraft.“

(14) Auf der Seite liegt ein Papierstapel, zusammengeheftet. Es sind einige der Drohbriefe, die die Nierths so bekommen. „Weißer arischer Widerstand“ steht drauf. Es geht ums Töten und darum, dass Nierth verschwinden soll. Die Briefe sind jetzt seltener geworden. Eine Zeit lang bekam die Familie jede Woche ein Kuvert, gefüllt mit frischem Kot. „Verschwindet aus Tröglitz“, stand drauf.

(15) Nierth wollte genau hierher, als er in den 90ern zurück nach Sachsen-Anhalt ging. „Nach der Wende war ich dauernd in der Gegend“, sagt er. „Ich liebe die Menschen hier, ihre direkte, unverstellte Art.“ Er war in der Gegend von Weißenfels aufgewachsen, der Vater Superintendent, die Familie reiste 1986 in den Westen aus. Ohne diesen Schritt hätte Nierth kein Abitur, er hätte nicht Theologie studieren können. Er wollte aber zurück.

(16) In Tröglitz machte er alles gleichzeitig: er baute und werkelte, er gründete ein Missionswerk und seine Familie, er engagierte sich in der Jugendarbeit und in der Kirche, er ging so lange auf die Leute zu, bis sie eben nicht mehr auswichen. Er baute in einem Nachbarhof Wohnungen aus und vermietete sie. Manche Projekte funktionierten auch nicht, so wie die Sache mit der Mission. Mit Gott wollen die Leute wenig zu tun haben. Nierth sattelte um, jetzt arbeitet er als freier Trauerredner. Denn wenn gestorben wird, dann braucht es doch ein paar Worte von jemandem, der wenigstens so sprechen kann wie ein Pfarrer. Und weil „der Markus“ über die Jahre praktisch jeden der 2800 Tröglitzer kennenlernte und es an politisch engagierten Menschen fehlte, ließ er sich auch überreden, fürs Ortsbürgermeisteramt zu kandidieren.

(17) Als er im Winter die Gerüchte hörte, wonach 50 Asylbewerber in der Gemeinde unterkommen sollten, da machte er, was er immer machte: er ging ins Offene, um die Leute zu überzeugen. Im Gemeindeblatt schrieb Nierth einen Text, in dem er versuchte, mit den Tröglitzern über deren „Ängste“ ins Gespräch zu kommen.

(18) Kurz darauf folgte auf dem Friedensplatz der erste „Lichterspaziergang“, organisiert von Steffen Thiel, Ex-Tröglitzer und NPD-Kreisrat. „Auf einmal traf ich meine Jugendlichen von damals als Demonstranten, die mir was entgegenbrüllen.“ Der Zorn, der sich da auf einmal Bahn brach – auf der Straße, vor allem aber in den sozialen Netzwerken – und der bis heute dort zu besichtigen ist, der mündete beim achten „Spaziergang“ im Vorhaben des NPD-Mannes, „beim Markus vor die Tür“ zu gehen.

(19) Nierth erfuhr davon nur durch Zufall, er bat beim Landkreis um Unterstützung. Nichts passierte. Da trat er zurück. Die NPD triumphierte. „Auf zum Nächsten“ lautete eine Parole auf Facebook. Wenig später erhielt der Landrat Morddrohungen. Vier Wochen später brannte das Haus.

(20) Nierth war nach dem Feuer sprachlos vor Entsetzen. Er erinnert sich heute noch an das Gefühl der Ohnmacht. „Ich dachte damals, vielleicht kippt die Stimmung jetzt“, sagt er. Aber das Gegenteil passierte. Nicht Betroffenheit breitete sich aus, sondern ein Haufen Abwehrgerüchte. Der Eigentümer habe das Haus vielleicht selbst angezündet, Versicherungsbetrug. Auch Nierth geriet ins Visier. Er musste sich vorwerfen lassen, „die Medien“ nach Tröglitz geholt zu haben, die nun das Bild eines Nazidorfs malten. Im Internet wird die Familie angefeindet. Auch, weil inzwischen drei Flüchtlingsfamilien in Tröglitz leben, zwei davon in Wohnungen, die von Nierth verwaltet werden.

(21) Am Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft einen Tatverdächtigen verhaftet, einen jungen Mann aus der Nachbarschaft des geplanten Heims, wie die FAZ schreibt. Er sympathisiere mit der NPD und sei bei den „Spaziergängen“ mitmarschiert.

(22) Vielleicht wird es nach der Festnahme jetzt ruhiger in Tröglitz. Bis dahin versucht die Familie irgendwie weiterzumachen. Markus Nierth hat schon ein neues Projekt. In Schlappen geht er in großen Schritten über die Straße in den gegenüber liegenden Hof. Hier unten im Erdgeschoss will er ein Begegnungszentrum für die Tröglitzer und die Flüchtlinge einrichten. „Es ist doch mein Zuhause“, sagt er. „Wie soll ich da so schnell aufgeben?“

Wir danken Katja Bauer und der Stuttgarter Zeitung für das kostenfreie Überlassen der Rechte.

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Marie Lampert, Mitarbeiterin der ABZV, visualisiert die Struktur der Geschichte und analysiert ihre Zutaten.

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