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Der Star ohne Allüren

Udo Jürgens ist tot. Und Mario Müller-Dofel, Projektleiter dieses ABZV-Portals, ist traurig. 2011 hatte Müller-Dofel Udo Jürgens für das Wirtschaftsmagazin €uro interviewt. Das Besondere daran war aber nicht das Interview an sich, sondern die Begegnung mit dem Interviewpartner am Abend zuvor. Eine nebensächlich erscheinende Episode, die jedoch einiges über den Menschen Udo Jürgens verriet

Erinnerungen von Mario Müller-Dofel*

Ein Sonntagvormittag. Ich stehe mit meiner Frau am Check-out eines Hotels in Quedlinburg. Mein Telefon klingelt. „Ja?“, frage ich.
„Hallo?“, ruft mir einer gut gelaunt ins Ohr, „Ist da der Mario Müller-Dofel?“
Ich erkenne die Stimme nicht, bin am Check-out an der Reihe und leicht genervt. „Ja, richtig, der bin ich. Und mit wem spreche ich?“
„Hallo! Hier ist Udo Jürgens!“
Welcher Scherzkeks veralbert mich hier, denke ich. Wer von meinen Redaktionskollegen weiß, dass ich Udo Jürgens für ein Interview angefragt habe? „Äh, ja, ähm …“ Ich überlasse meiner Frau das Auschecken und flitze irritiert in eine ruhige Ecke. „Ja, hallo Herr Jürgens“, sage ich zögerlich. Gleich outet sich vermutlich ein Bekannter. „Ähm, das ist ja eine Überraschung“, schiebe ich nach, man weiß ja nie. Dann redet der andere wieder – und es ist klar: Es ist kein Scherzkeks. Es ist Jürgens.

Diese Episode ereignete sich im Oktober 2010. Ein paar Wochen zuvor hatte ich Udo Jürgens schriftlich um ein Interview für das Wirtschaftsmagazin €uro gebeten. Dass er daraufhin an einem Sonntagvormittag mal eben den ihm unbekannten Journalisten persönlich anrief, signalisierte bereits, wie uneitel dieser Star sein konnte. Als Interviewer von DAX-Vorständen war ich anderes gewohnt.

An jenem Oktobersonntag im Jahr 2010 erklärte Udo Jürgens mir, dass er mir das Interview gerne gäbe, dies aber zurzeit unmöglich sei, weil er mit den Dreharbeiten zur seiner Familienbiographie „Der Mann mit dem Fagott“ für die ARD beschäftigt war. „Ich bin gerade in Prag und es gibt noch viel zu tun. Aber wir machen das später“, versprach er.

Später – das war sieben Monate nach unserem Sonntagsplausch. Das Interview wurde von Jürgens‘ Pressesprecher auf den Vormittag des 10. Mai 2011 terminiert. Geplante Gesprächszeit: 75 Minuten. Ort des Geschehens: Udo Jürgens‘ Wohnhaus bei Zürich. Ein paar Tage vorher rief mich der Pressesprecher an und fragte: „Wann reisen Sie an?“
„Am Abend vor dem Interview.“
„Wo übernachten Sie?“
„In einem Hotel in Zürich.“
„Gut! Udo ist an diesem Abend auch in Zürich. Er würde gerne mit Ihnen zu Abend essen. Haben Sie Zeit? Er würde sich freuen.“
Wow, welch eine Gelegenheit. „Mein Fotograf ist ebenfalls schon am Vorabend in Zürich“, antwortete ich. „Ich würde ihn ungern außen vor lassen. Wäre es okay, wenn er mitkommt?“
„Gerne“, sagte der Pressesprecher. „Wir treffen uns also am 9. Mai abends in der Kronenhalle. Bis dann!“

Das war der Hit. Udo Jürgens. Komponist. Pianist. Chansonnier. 60 Karrierejahre. 105 Millionen verkaufte Tonträger. Einer der erfolgreichsten Solomusiker der Welt. Ein Star. Zürich. Kronenhalle. Essen, trinken, reden. Dieser Interviewpartner versprach etwas Besonderes zu werden.

Er wurde es. Porträtfotograf Axel Griesch und ich trafen Udo Jürgens am 9. Mai 2011 in der berühmten Kronenhalle. Er saß bereits am Tisch, in dunklem Anzug, weißem Hemd, eher wie ein topfitter Sechzigjähriger wirkend als einer, der bald 80 wird. Und bestens gelaunt. Er stand auf. „Guten Abend, Herr Müller-Dofel. Guten Abend, Herr Griesch. Ich freue mich, dass Sie da sind. Nehmen Sie Platz.“

Nahdistanz: Udo Jürgens mit Mario Müller-Dofel in der Bar der Züricher Kronenhalle (Foto: Axel Griesch)

Nahdistanz: Udo Jürgens 2011 mit Mario Müller-Dofel in der Bar der Züricher Kronenhalle (Foto: Axel Griesch)

Udo Jürgens wusste, dass ich in der DDR aufgewachsen war und fragte mich darüber aus. Er interviewte den Interviewer, mit dem Körper nah am Tisch, neugierig wie ein Kind, lauernd auf jede neue Information, als hörte er zum ersten Mal von diesem Land. Später redeten wir über seine Musik, über Liedtexte, über griechischen Wein, über seinen Kumpel Gunter Sachs, der sich zwei Tage zuvor getötet hatte, und über Gott und die Welt, wie man so sagt. Dass ich bis zur Vorbereitung auf unser Interview wenig mit seiner Musik anfangen konnte, war völlig okay für ihn.

Nach etwa drei Stunden, gegen 23 Uhr, nahmen wir unsere mal wieder nachgefüllten Rotweingläser und gingen nach nebenan, in die Bar der Kronenhalle, setzten uns in eine spärlich beleuchtete Nische und redeten und tranken weiter. Hier kam Billy Kudjoe dazu, sein langjähriger Assistent und musikalischer Begleiter, der am gestrigen Sonntagnachmittag, den 22. Dezember 2014, im schweizerischen Gottlieben an Udo Jürgens‘ Seite war. Als dem Achtzigjährigen beim Spaziergang das Herz versagte. Damals, am 9. Mai 2011, sagten wir nach Mitternacht „Tschüss bis nachher zum Interview.“ Kudjoe fuhr Jürgens nach Hause.

Prost! Auf diesen Abend. Auf diesen Star ohne Allüren. Dem 75-Minuten-Interview am nächsten Vormittag war ein vierstündiges „Warm-up“ vorausgegangen, in dem Udo Jürgens gezeigt hat, warum sein Konzertpublikum ihn liebte: weil er es liebte, anderen Menschen besondere Abende zu bereiten. Und weil er ihnen das Gefühl geben konnte, dass er ganz und gar nichts Besonderes sei, sondern einfach einer von ihnen. Wenn einer seiner Songs diesen gemeinsamen Abend beschreibt, dann ist es „Schenk mir noch eine Stunde“.

Am nächsten Tag, die Sonne schien, fuhren Fotograf Axel Griesch und ich zu Jürgens’ Haus einige Kilometer von Zürich entfernt. Und auch hier überraschte er uns: Da stand keine dieser Neureichen-Villen, wie man sie von allzu vielen anderen Millionären und Promis kennt. Das war ein schickes, sehr gepflegtes, aber auch typisch bürgerliches Einfamilienhaus inmitten einer typisch bürgerlichen Einfamilienhaussiedlung, in einem unspektakulären Städtchen. Wir setzten uns auf die Terrasse vor seinem Wohnzimmer. Ohne Pressesprecher. Die dutzenden, wild durcheinander liegenden Notenblätter auf seinem Flügel symbolisierten das, was Jürgens musikalisch erfolgreich machte: ungezügelte Kreativität.

Der Star ohne Allüren war an diesem Vormittag genau wie am Abend zuvor: Ein Gesprächspartner, wie Interviewer ihn sich nur wünschen können – offen, konzentriert und herzlich. Wir sprachen über Börse und Geld. Aufgeblasene Phrasen waren seine Sache nicht. Auch das war etwas Besonderes.

Danke, dass wir Sie erleben durften, Udo Jürgens!
Ruhen Sie in Frieden.

Das €uro-Interview mit Udo Jürgens lesen Sie   hier

 

* Mario Müller-Dofel ist beim Bildungswerk der Zeitungen verantwortlich für das Serviceportal “Gesprächsführung”.

 

Eine Reaktion auf “Zum Tode von Udo Jürgens: Erinnerungen an ein Interview”

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