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Warum nur so aufgeregt?

Die Kritik vieler Journalisten am Gespräch des YouTubers Florian Mundt (alias LeFloid) mit Bundeskanzlerin Angela Merkel war unangemessen und unfair. Versuch einer Kritik- und Gesprächsanalyse

Von Mario Müller-Dofel*

Es war das umstrittenste Interview des bisherigen Jahres: Am 10.7. sprach der YouTuber Florian Mundt vor laufenden Kameras mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Danach wurde Mundt von Journalisten laut kritisiert – teils heftig, hämisch, vernichtend.

Kritikpunkte von Journalisten

Wenn ich die Kritiker richtig verstanden habe, störte sie vor allem, dass Mundt

  • häufig in der Ich-Form fragte. (Richtig, Journalisten sollten es damit nicht übertreiben.)
  • häufig eine zustimmende Haltung einnahm. (Auch richtig, er wirkte dann in den Augen vieler naiv und devot, was Journalisten nicht immer gut zu Gesicht steht.)
  • nicht kritisch nachgehakt hat. (Das sollten Journalisten selbstverständlich versuchen.)
  • nervös war. (Ja, Journalisten sollte man Nervosität nicht unbedingt ansehen.)
  • eine PR-Veranstaltung nach dem Geschmack der Kanzlerin fabriziert hat. (Ob das so war, hängt davon ab, ob der Zuschauer ihre Antworten immer glaubwürdig fand oder nicht.)

Schlussendlich resümierten viele Kritiker, dass Mundt keinen seriösen Journalismus betrieben hat.

Aber: Wie kommen sie darauf? Florian Mundt ist

  •  weder ein Journalist noch
  • hat er sich für dieses Gespräch als Journalist ausgegeben.
Millionenfach abgespielt: YouTube-Interview von "LeFloid" mit Kanzlerin Merkel (Foto: vector_master/Fotolia.com)

Millionenfach abgespielt: YouTube-Interview von „LeFloid“ mit Kanzlerin Merkel (Foto: vector_master/Fotolia.com)

Mundt ist ein Psychologie- und Pädagogik-Student, der einen YouTube-Kanal bedient und als YouTuber mit Frau Merkel sprach. Dass er als Laie von journalistischen Profis an professionellen journalistischen Kriterien gemessen und auf dieser Basis verrissen wurde, war unangemessen und unfair.

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart drückte es so aus: “Die teils ätzende Kritik der klassischen Medien an dem Erstling war absehbar. … Keiner seiner Kritiker hat in so jungen Jahren einem Bundeskanzler auch nur die Hand geschüttelt.”

Vergleich journalistischer Verhaltensweisen mit Florian Mundt

Vergleichen wir die oben genannten Kritikpunkte von Journalisten am 27-jährigen YouTuber Mundt mit dem Verhalten von Interview-„Profis“ aus der journalistischen Welt. (Dabei beziehe ich meine Erfahrungen als Interviewer, als Begleiter von Interviews und aus Interviewtrainings mit Journalisten ein.)

Zur Ich-Form in Mundts Fragen
Auch viele Journalisten bringen in Interviews ihre persönlichen Sichtweisen ein – und drücken sie wie Mundt in Ich-Form aus. Das passiert besonders dann, wenn sie sich im Gespräch emotional involvieren. (Wobei es auch andere Gründe gibt, die mir an dieser Stelle weniger wichtig erscheinen.) Mein bisheriger Eindruck ist, dass Ich-Fragen eher von relativ unerfahrenen Journalisten formuliert werden – mehr aus der Emotionalität heraus als aus strategischen Gründen.

Wenn wir bedenken, dass der erst 27-jährige Student Mundt sein erstes Interview gleich mal

  • vor laufenden Kameras,
  • für ein Millionen-Publikum,
  • ohne Kenntnis und Übung journalistischer Idealvorstellungen,
  • unter den Argusaugen journalistischer Kritiker und
  • mit einer der raffiniertesten Rednerinnen des Landes

führte, ist es normal, dass er emotional involviert war.

Und: Angesicht dessen, dass Mundt vor allem von Printjournalisten heftig für seine Präsenz kritisiert wurde, erinnern wir uns daran, wie nervös junge Journalisten sind, wenn sie nur in einem Interviewseminar ohne Zuschauer vor einer kleinen Videokamera ein Interview mit einer Person führen, an der kein öffentliches Interesse besteht und die Aufnahme nicht in die Öffentlichkeit gelangt.

Zu Mundt häufig zustimmender Haltung
Natürlich nehmen auch insbesondere Printjournalisten häufig zustimmende Haltungen in Interviews ein. Mal stimmen sie ehrlich zu, mal wollen sie lediglich harmlos erscheinen, um ihre Gesprächspartner einzulullen. Das Kalkül dabei: Wenn der Interviewte sich durch die Zustimmungen sicherer fühlt, lockert er seine Abwehrhaltung und sagt Sätze, die er eigentlich verschweigen wollte. Dagegen stimmen TV-Interview-Profis insbesondere Politikern deutlich weniger zu, weil die sich bewusst darüber sind, dass dies von außen betrachtet oft als devot interpretiert wird. Das hat YouTuber Mundt vielleicht nicht bedacht, vielleicht war es ihm aber auch schnuppe.

Zu Mundts fehlenden kritischen Nachfragen
Der YouTuber hat deutlich öfter kritisch ein- und nachgehakt als es zum Beispiel Tina Hassel und Rainald Becker im ARD-Sommerinterview mit Frau Merkel gemacht haben. (Vergleich s. unten)

Zu Mundts Nervosität
Dass Mundt nervös war, können viele vor allem junge Journalisten sicher sehr gut nachvollziehen. (s. oben „Zur Ich-Form in Mundts Fragen“) Seine Nervosität war ihm vor allem an seinem „wandernden“ Blick anzusehen. Auch dafür, dass er dem Blick der Kanzlerin häufig nicht standhielt, wurde Mundt viel kritisiert. Ich meine: Dafür, dass er nach eigener Aussage „schweinenvervös“ war, hat er sich wacker gehalten.

Zur PR im Sinne der Kanzlerin
Hier verweise ich ausdrücklich auf meine subjektive Wahrnehmung: Für mich hat Merkel allenfalls schlechte PR gemacht, weil sie bei kritischen Themen (s. unten) im für sie üblichen Stil auswich.

Zum „nicht seriösen“ Journalismus
Wie oben vermerkt: Mundt ist kein Journalist, ist auch nicht als Journalist angetreten und kann demnach weder seriösen noch unseriösen Journalismus betrieben haben.

Thematische Auswertung des Mundt-Merkel-Gesprächs

Schauen wir nun, was Mundt thematisiert hat – und wie lange. Es waren elf Themen in fast 30 Minuten Dialogzeit:

  1. Einführend: Warum ein Merkel-Interview für YouTube (rund 1 min)
  2. Gut leben in Deutschland (rund 3 min)
  3. Gleichgeschlechtliche Ehe (rund 2 ¼ min)
  4. Fremdenfeindlichkeit in Deutschland (rund 3 ¼ min)
  5. NSA-Ausspähung, Wikileaks, Edward Snowden, Whistleblower (rund 3 ½ min)
  6. Merkels Privatmeinung vs. ihre Politikermeinung (rund 6 ¼ min)
  7. Bildung (rund 1 ½ Minuten)
  8. Freihandelsabkommen TTIP (rund 3 ¾ Minuten)
  9. Cannabis-Legalisierung oder nicht (rund 1 min)
  10. Social Media in der Regierungsarbeit (rund 3 ½ min)
  11. Persönliche Kraft angesichts Griechenland, Ukraine und Co (rund 1 ¼ min)

Diesen Rundumschlag hat Mundt von seiner Zielgruppe aufgetragen bekommen, er hat ihn zielgruppenorientiert abgearbeitet – und das sogar zeitlich ausgewogen. Allein letzteres ist ein Kompliment wert, weil das gar nicht einfach ist. (Davon abgesehen ist Mundts Zielgruppe wesentlich jünger als die meisten Journalisten, die allerdings auch nicht seine Zielgruppe waren.)

Und nun hoffe ich sehr, alles korrekt gemessen und notiert zu haben (auf wortgenaue inhaltliche Analysen verzichte ich, sonst wird’s ein Buch):

Mundts Fragen im Detail

Florian Mundt

  • stellte 28 Fragen.
  • brauchte für jede im Schnitt 22 Sekunden (oft brauchen Interviewer länger) und beanspruchte damit rund ein Drittel der gesamten Gesprächszeit.
  • konfrontierte Merkel erfolgreich mit Reizwörtern, z. B. „absurd“, „Wortklauberei“ und „Horst Seehofer“.
  • hakte, wenn Merkel antwortete, mehrfach ein und nach und versuchte mehrfach, die Kanzlerin zu unterbrechen.
  • versuchte verbal und nonverbal die Kanzlerin zu bremsen, wenn sie langwierig (länger als 45 Sekunden) ohne Substanz antwortete, also auswich und banalisierte.

Merkels Antworten im Detail

Angela Merkel

  • nahm sich für ihre 28 Antworten im Schnitt jeweils rund 41 Sekunden Zeit und beanspruchte damit rund 19 Minuten, also zwei Drittel der reinen Interviewzeit.
  • antwortete nur drei Mal länger als 100 Sekunden: bei Antwort 9 (100 s) auf einen Schwenk zur Krise in Europa; bei Antwort 11 (122 s) zu den Abhörtätigkeiten der NSA in Deutschland; bei Antwort 19 (130 s) zum Freihandelsabkommen TTIP. Während dieser drei Antworten wich sie besonders wortreich aus und banalisierte, was etwas mehr Zeit gekostet hat.
  • reagierte auf Mundts Reizwörter für ihre Verhältnisse sichtbar gereizt (Mimik, Gestik, Gegenfragen), befreite sich aber stets mit kleinen, aber feinen Kontern aus solchen Situationen.
  • Kam insbesondere bei den Reizwörtern „Horst Seehofer“ ins Schwimmen.

Alles in allem ist Merkel übrigens eine der wenigen PolitikerInnen, die selten länger als 60 bis 75 Sekunden antworten. Damit beweist sie ungewöhnliche Disziplin und ist an diesem Kriterium gemessen außergewöhnlich TV-Interview-tauglich.

Unterschiede von Mundts Merkel-Gespräch zum ARD-Sommerinterview

Am 19.7. strahlte die ARD ihr „Sommerinterview“ mit Angela Merkel aus. Die erfahrenen Interviewer Tina Hassel und Rainald Becker

  • hatten abzüglich eines eingespielten Films nur rund 16 Minuten reine Gesprächszeit. (Mundt hatte fast doppelt so viel)
  • konzentrierten sich auf weniger Themen. (Europa, Flüchtlinge, NSA)
  • teilten sich den Job. (Jeder stellte sieben Fragen – politisch korrekt, aber fragetaktisch extrem einengend.)
  • benötigten für jede Frage im Schnitt 17 Sekunden Zeit und beanspruchten damit zusammengerechnet nur 25 Prozent der reinen Interviewzeit. (Die TV-Profis kamen also etwas schneller auf den Punkt als Student Mundt.)
  • unterbrachen die Kanzlerin nicht. (Da wurde die Konvention streng eingehalten.)
  • hakten weniger nach als Mundt. (Vielleicht durfte Hassel nicht mehr Fragen stellen als Becker und umgekehrt.)
  • bewegten sich kaum. (Wirkte auf mich eher statisch als dynamisch.)
  • vermieden TV-Journalismus-Anfängerfehler wie sichtbare Selbstinvolvierung und verlautbarte Zustimmung.

Merkels Antworten im ARD-Sommerinterview

Angela Merkel

  •  antwortete im Schnitt 52 Sekunden auf jede Frage, also etwas länger als bei Mundt, was wahrscheinlich vor allem an den für sie durchweg heiklen Themen lag.
  • antworte am längsten auf Frage zu den Konsequenzen aus der Eurokrise (68 s) sowie auf die Fragen 10 und 12 zur Flüchtlingsthematik (jeweils 85 s).

Die relative Antwortlänge ist ein gutes Indiz dafür, wie wichtig einem Interviewpartner eine bestimmte Antwort ist. Grundregel: Je länger die Antwort, desto mehr „steckt dahinter“.

Gemeinsamkeiten der Merkel-Antworten in beiden Interviews

Sowohl im Interview mit „LeFloid“ als auch im Interview mit den ARD-Profis war der Anteil der Gemeinplätze und Ausweichmanöver in Merkels Antworten relativ hoch – wie bei den meisten Politikern.

Viele ihrer Redewendungen hatte sie in früheren Statements bereits verwendet – schon deshalb, weil sie in verschiedenen Interviews mit den gleichen Fragen konfrontiert wurde und wird. Dass die ARD das Sommerinterview in ihrer Mediathek mit der Plattitüde „Bei mir hat niemand um Entlassung gebeten“ (bzgl. Finanzminister Schäuble) überschrieben hat, dürfte ein Indiz dafür sein, dass der zuständige Redakteur nichts Relevantes für die Headline gefunden hat.

Fazit zum Vergleich des YouTubers Mundt mit den ARD-Journalisten

Aus meiner Sicht haben die ARD-Profis kein besseres Interview mit Frau Merkel geführt als der YouTuber Mundt, auch wenn das ARD-Gespräch professioneller aussah. Mundt hat mehr Themen beackert, was Abwechslung brachte. Er hat die Sprache seiner Zielgruppe gesprochen, ihre Themenwünsche beachtet, hier und da nicht locker gelassen.

Auch wenn er

  • zwischendurch mal sehr uninformiert wirkte, als er meinte, eine von Merkels Aussagen noch nicht gelesen zu haben,
  • sein Gespräch mit einem schwachen Thema („Haben Sie noch Kraft?“) ausplätschern ließ und
  • sich für „ehrliche“ Antworten bedankte:

Unter dem Strich hat der 27-jährige „Erstling“, wie Gabor Steingart ihn nannte, einen richtig guten Job gemacht. Erst Recht gemessen an seiner Unerfahrenheit, an seiner Jugend, an den TV-Format-Zwängen, an der Raffinesse unserer Bundeskanzlerin und an seiner Zielgruppe.

Stichwort Zielgruppe: Bis Ende Juli ist das Gespräch 3,5 Millionen Mal auf YouTube angeklickt worden. Rund 209.500 User haben es bewertet – 94 Prozent davon positiv. Wenn die ARD wirklich auch junge Zuschauer anziehen will, sollte sie ihr Sommerinterview mit Angela Merkel im Jahr 2016 von „LeFloid“ führen lassen.

 

* Mario Müller-Dofel ist beim Bildungswerk der Zeitungen verantwortlich für das Serviceportal “Gesprächsführung”.

4 Antworten auf “YouTube-Interview mit Merkel: Bravo, LeFloid!”

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