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Wie Journalisten Interviewpartner unter Druck setzen können

Ein Beitrag von Brigitte Biehl-Missal*

Stellen Interviewer einfache, klare Fragen, bekommen sie verständliche, klare Antworten – sagt die journalistische Lehre. Aber wenn Journalisten bestimmte Interviewpartner bewusst ins Schwitzen bringen wollen, müssen sie ganz anders fragen – sagt die Konversationsanalyse.

W-Fragen, Interviewfragen

Interviewfragen: Die Konversationsforschung kann Anregungen geben. (Illustration: Trueffelpix/Fotolia.com)

Interviewpartner beeinflussen sich gegenseitig nicht nur einfach mit hörbaren Worten, sondern mit vielen dahinter stehenden, komplexen und stillschweigenden Mechanismen, die ihre Worte erst wirken lassen. Das belegt die Konversationsanalyse, die beispielsweise Interviewsituationen bei Pressekonferenzen wissenschaftlich erforscht.

Im Folgenden beziehe ich mich auf den viel zitierten Artikel von Steven Clayman und John Heritage über Pressekonferenzen der US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower und Ronald Reagan (Clayman, S. E., & Heritage, J., 2002, link-pfeil-re Questioning presidents: Journalistic deference and adversarialness in the press conferences of US Presidents Eisenhower and Reagan. Journal of Communication, 52(4), 749-775). Clayman und Heritage haben belegt, dass die einst ehrfürchtige und defensive Art, wie Journalisten fragen, zunehmend aggressiv wird – ein Trend, der sich in vielen Bereichen wie der Wirtschaft fortsetzt. Zudem beziehe ich mich auf meine Analysen von Pressekonferenzen von DAX-Konzernen, die ich im Buch link-pfeil-re „Business is Showbusiness. Wie sich Topmanager vor Publikum inszenieren“ zusammengefasst habe.

Ausweichmanöver erschweren

Konversationen in Interviewsituationen, aber auch in kleinen Gruppen und in der alltäglichen Interaktion, sind voll von impliziten Vereinbarungen und Regeln. So sind Nachfragen (follow ups) bei Pressekonferenzen besonders schwer, da eher unüblich. Und wer das letzte Wort hat, bleibt unwidersprochen und wirkt deshalb glaubwürdiger. Gerade deshalb versuchen viele Journalisten, mit bestimmten Fragen hinreichend Druck aufzubauen, um Ausweichmanöver und freie Selbstdarstellung des Gesprächspartners zu erschweren. Die Forschung zur Konversationsanalyse bietet ein Einordnungsmuster mit folgenden Kategorien:

  • einfache Frage,
  • Frage mit Vorrede und
  • mehrfache oder superkomplexe Frage.

Wischiwaschi-Gefahr nach einfacher Frage

Bei den untersuchten Pressekonferenzen der deutschen Großunternehmen dauerten die Fragen der Journalisten durchschnittlich 56 Sekunden. Nur rund 15 Prozent der Fragen waren mit einem einzelnen Fragezeichen und ohne Vorrede einfach gehalten (simple question), beispielsweise: „Sagen Sie mir noch: Sind noch Maßnahmen beim Firmenteil X angedacht?“ Eine solche Frage baut insbesondere bei Medienprofis keinen großen Zwang auf. Der Gesprächspartner könnte einfach mit Ja oder Nein antworten und sie als Steilvorlage zu selbst gewählten Ausführungen, etwa über seine Vision, nutzen.

Richtung vorgeben durch Frage mit Vorrede

Eine härtere Gangart zeigten rund 20 Prozent der Fragen an. Hier fragten die Journalisten mit Vorrede (preface). Diese beinhaltet Hintergrundinformationen zum Fragekern und begrenzt dadurch die Antwortmöglichkeiten. Fragen mit Vorrede wirken per se – also unabhängig von Tonfall und Thema – entschlossener als einfach gehaltene Fragen. Beispielsweise gab ein Journalist bei einer Pressekonferenz des Softwarekonzerns SAP mit seinen vorausgeschickten Überlegungen klar die Richtung vor: „Ja, wenn Sie sagen, dass Sie künftig vor allem kleinere Unternehmen dazu gewinnen, dann hab ich mir überlegt: Verschieben sich dann die Anteile, was Sie an Einnahmen haben aus Softwarelizenzen Beratung und Wartung? Weil, ich kann mir vorstellen, diese neuen Produkte, die Sie vorstellen, sind vielleicht nicht mehr so beratungsintensiv. Steigt dann der Softwareanteil oder steigt gar der Beratungsanteil?“

Solche Vorreden von Fragenden werden von Befragten in der Regel ohne Unterbrechung erduldet. Denn würde ein Befragter zwischendrin einhaken, würden er die stillschweigenden Sprechregeln brechen und den Fragenden angreifen.

Antwortspielraum einengen durch Mehrfach-Fragen

Einen noch geringeren Antwortspielraum ließen Journalisten den Befragten, wenn sie Mehrfach-Fragen stellten (multiple questions und supercomplex questions). Bei den untersuchten Pressekonferenzen von DAX-Unternehmen machte diese Frageart immerhin die restlichen rund 70 Prozent der Fragen aus. Mehrfach-Fragen sind verschachtelt und bestehen aus mehreren Teilen.

Zum Vergleich: Bei Pressekonferenzen der US-Präsidenten Eisenhower und Reagan waren nur elf beziehungsweise 30 Prozent der Fragen so genannte multiple questions oder supercomplex questions. Ebenso wehte in englischen und amerikanischen TV-Interviews lange ein schwächerer Wind: Anfangs stellten Journalisten bis zu 40 Prozent simple questions, die Quote ging mit den Jahren aber zurück, was nach Clayman und Heritage unter anderem am zunehmenden journalistischen Wagemut und stärkerer Konkurrenz unter den Medien liegt.

Gewünschte Nebenwirkung: Kollegen beeindrucken

Der hohe Prozentsatz von Mehrfach-Fragen mit Vorrede weist noch auf einen weiteren Aspekt im Beziehungsgeflecht zwischen Journalisten und Organisationen hin: Der Eingangstext gehört auch zur Selbstdarstellung von Journalisten, die Kollegen oder Interviewpartner beeindrucken und sich selbst ins rechte Licht rücken möchten. Dies ist stets ein wesentlicher Bestandteil der Interaktion.

 

*Brigitte Biehl-Missal ist Professorin für PR und Journalismus an der BSP Business School Berlin Potsdam sowie Dozentin in Marketing an der University of Essex in England. Sie schreibt auch für Wirtschaftszeitungen wie das „Handelsblatt“ und „Harvard Business Manager“ und publiziert in Fachzeitschriften wie dem „Journal of Management Studies“ und dem „Journal of Macromarketing“.

 

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