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„Jetzt kann ich die blöden Fragen selbst stellen, statt sie
beantworten zu müssen“

Am Freitag, den 15. August, startet wieder der DFB-Pokalwettbewerb, am Freitag, den 22. August, die Fußball-Bundesligasaison 2014/2015. Dann werden Sportjournalisten wieder viele Spiele sehen – und noch viel mehr Spieler-Interviews führen müssen.

Eine Form dieser Interviews ist das „Nach-dem-Schlusspfiff-Interview“, bei dem Fernsehjournalisten ausgepowerten Kickern die immer gleichen Fragen stellen, um die immer gleichen Antworten zu bekommen. Dass Ausnahmen diese Regel bestätigen, war Ende Juni nach dem Fußball-WM-Spiel Deutschland-Algerien zu sehen. Da motzte Nationalspieler Per Mertesacker selten deutlich gegen den negativ formulierten Interviewstart von ZDF-Reporter Boris Büchler.

Einer, der solche verbalen Nachspiele als Fußballprofi und als Sportjournalist kennt, ist Thomas Helmer (49). Seit 2002 ist der fast 400-fache Bundesligaspieler, 68-malige Nationalspieler und Europameister von 1996 Fußballjournalist – heute für den Privatsender Sport 1. Im Interview spricht Helmer über Mertesackers Klartext, eigene Erfahrungen als Spieler mit TV- und Zeitungsjournalisten und über nervige Interviewfragen.

Herr Helmer, was ging Ihnen durch den Kopf, als Per Mertesacker ZDF-Reporter Boris Büchler zusammengestaucht hat?
Klasse, dachte ich. Das haben die beiden großartig gemacht!

Die? Beide? Okay, erst zu Mertesacker: Was fanden Sie großartig an ihm?
Nach einem hart erkämpften Arbeitssieg wie gegen Algerien kann ich gut verstehen, dass Spieler angefressen reagieren, wenn sie sofort mit negativen Journalistenfragen konfrontiert werden. Mertesacker hat seinen Unmut darüber klar artikuliert. Das fand ich insbesondere deshalb klasse, weil wir doch heutzutage schon froh sein können, wenn Profifußballer überhaupt mal etwas Unzensiertes rauslassen.

Und warum fanden Sie Büchler klasse?
Damit meine ich nicht seine Fragen. Die können unmittelbar nach dem Schlusspfiff grundsätzlich nicht besonders intelligent sein. Gut fand ich, dass Boris nach den ersten verbalen Grätschen von Mertesacker weitergefragt hat, statt beleidigt abzubrechen.

thomas Helmer Mario Müller-Dofel Interview ABZV

Thomas Helmer: Erst 17 Jahre Fußballprofi, seit 2002 Sportjournalist (Foto: Sport1)

Sie waren in den 90er-Jahren ein Weltklasse-Abwehrspieler – wie heute Mertesacker. Sind Sie als Profi in Interviews auch mal so reingegrätscht?
Meine heutigen Journalistenkollegen meinen, ich wäre schlimm gewesen (lacht). Ich habe die Presse sogar mal boykottiert.

Warum?
Während meiner Zeit als Kapitän des FC Bayern München zog ein Journalist des Privatsenders Premiere nach einem Spiel mal über unseren Mittelfeldspieler Mario Basler her. Dabei ging es nur um Privates – wie etwa Marios Zigarettenkonsum. Weil wir als Mannschaft der Meinung waren, dass das mit Sportberichterstattung nichts mehr zu tun hatte, habe ich als Kapitän dem Sender erst einmal keine Interviews mehr gegeben. Fortan stand ich dort auf der roten Liste.

Was bedeutete das?
Zum Beispiel, dass die Reporter in ihren Spielkommentaren besonders genüsslich auswerteten, wenn mir mal Fehlpässe unterliefen. Also die Quittung für meinen Boykott habe ich doppelt und dreifach bekommen.

Mit anderen Sendern haben Sie weiter gesprochen, auch gleich nach dem Schlusspfiff. Haben Sie diese Art Interviews gerne gegeben?
Sagen wir so: Als Kapitän musste ich sie geben, vor allem nach Niederlagen. Da hieß es immer: Los Thomas, geh mal da hin, rede viel, aber sage nichts.

Vielleicht konnten Sie das besonders gut.
Glaube ich kaum. Unmittelbar nach dem Spiel ist es eh gefährlich, weil man emotional aufgeladen ist. Oder haben Sie da schon mal besonders aussagekräftige Gespräche gehört? Da wird sehr häufig dasselbe gefragt und geantwortet.

Hätten Sie die Interviews auch ablehnen können?
Theoretisch ja. Aber als Kapitän ist man auch in der Pflicht, die Watschn der Journalisten nach Niederlagen abzufangen.

Gab es Interviewfragen, die Ihnen besonders auf den Keks gingen?
Etliche, nach wie vor. Eine davon: „Warum haben Sie den Elfmeter nicht rein gemacht?“ So ein Quatsch, oder? Es hat doch jeder gesehen, dass der Ball beim Keeper oder neben dem Tor gelandet ist. Das ist doch schon ärgerlich genug.

Was sagt man auf diese Frage als guter Interviewgeber?
Na irgendwas halt. Oder: „Ich kann es scheinbar nicht besser.“ (lacht)

Mertesacker-Kollege Lukas Podolski soll mal gesagt haben, dass er in Interviews so kurze Sätze formuliert, damit ihm Journalisten nicht das Wort im Munde verdrehen können. Eine schlaue Strategie?
Das hat der Lukas wirklich gesagt? Na gut … Ja, das kann schlau sein.

Wird vor Spielen festgelegt, wer nachher die Interviews gibt?
Das wäre mir neu. Vor dem Spiel weiß ja kein Mensch, wer zum Beispiel Tore schießt oder verursacht. Die Journalisten wollen aber nachher vor allem mit den Helden und den Losern sprechen. Diese spielentscheidenden Spieler werden nach dem Schlusspfiff vom Pressesprecher gefragt, ob sie sich interviewen lassen wollen. Und wer nein sagt, läuft halt am Mikrofon vorbei.

Gab es ein Interviewformat, in dem Sie sich als Spieler wohl gefühlt haben?
Zu meiner Zeit als Profi war klar: Wer eine Einladung ins ZDF-Sportstudio bekommt, muss sie annehmen.

Weil?
Man wusste, dass Kritik sich dort in Grenzen hält, dass dort aus einem schlechten Spiel auch mal ein normales gemacht wird. Und weil das zudem sehr viele Menschen sahen, bin ich da gerne hingegangen.

Wie finden Sie das ZDF-Sportstudio heute?
Ein wenig zu seicht und zu spät.

Welche Erfahrungen haben Sie als Spieler mit Zeitungsjournalisten gemacht?
Da fallen mir zuerst die Boulevardzeitungen ein, vielleicht weil ich zu Beginn meiner Bayern-Zeit große Probleme mit denen hatte. Ich wollte deshalb damals fast mit dem Fußball aufhören.

Erzählen Sie mal.
Die BILD-Journalisten hatten stets drei, vier Spieler auf dem Kieker – und ich war immer dabei. Ich wusste mich anfangs nicht zu wehren und dachte, mehr als Spiele gewinnen geht ja nicht. Das hatte zur Folge, dass ich mich immer mehr zurückgezogen habe, sogar auf dem Spielfeld. Ich meine, wenn du schon vor dem Spiel weißt, dass du nachher verrissen wirst, leidet darunter zwangsläufig dein Selbstvertrauen. Dann bist du auch nicht mehr so selbstsicher wie ein Spieler, der jedes Wochenende Lobeshymnen über sich hört. Diese Phase war bitter für mich. Irgendwann habe ich einen dieser Journalisten zur Rede gestellt. Und siehe da: Es ging dann auch anders.

Wie zur Rede gestellt?
Er stand während eines Trainings am Rasen, da bin ich hin zu ihm und habe gefragt, ob er ein Problem mit mir hat. Da begann er schon rumzudrucksen.

Was druckste er denn?
Sinngemäße meinte er, ich wäre arrogant. Er konnte das gar nicht richtig erklären. Ich sagte: Du kennst mich doch gar nicht! Er versuchte sich zu rechtfertigen. So ging es eine Weile weiter, aber es hat unserem Verhältnis gut getan, wir redeten fortan öfter miteinander und die Berichter-stattung wurde sachlicher. Ein anderes Beispiel aus der Nationalmannschaft: 1996 sagte mir unser damaliger Pressesprecher Wolfgang Niersbach, der heutige DFB-Präsident, dass ein preisgekrönter Journalist vom Magazin Der Spiegel etwas über mich schreiben will. Daraufhin habe ich mich mit dem Redakteur unterhalten. Der Spiegel-Beitrag war leider die größte Fehleinschätzung, die ich je über mich lesen musste.

Woran machen Sie das fest?
Da wurden zum Beispiel Aussagen von mir verdreht und in falschen Kontexten zitiert, sodass sie nachteilhaft für mich waren. Und es wurden stilistische Mittel benutzt, um Thesen zu belegen, die nur der subjektiven Sicht des Journalisten entsprachen, ohne meine Sicht der Dinge ausgewogen einzubeziehen.

Welchen Tenor hatte der Beitrag?
Der Helmer verdrückt sich immer. Der Helmer läuft immer hinterher. Der Helmer hat auf dem Trainingsplatz eine lange Hose an, damit er sich nicht schmutzig macht und so weiter. Die lange Hose hatte ich übrigens an, weil Glasscherben auf dem Platz lagen. Bei allem Verständnis für anderes Sichtweisen: Wer sich so verhält, wie es mir unterstellt wurde, spielt garantiert nicht lange Bundesliga und Nationalmannschaft.

Stumpfen Fußballer infolge negativer Berichterstattung ab oder verzweifeln sie eher daran?
Es gibt beides. Tröstlich ist, dass die Journalistenmeinungen weit auseinander gehen und es auch respektvolle Sportjournalisten gibt. Fakt ist auch: Wenn sich ein Bundesligaspieler jedes Mal auf-regt, wenn er sich ungerecht fühlt, wird er verrückt. Er muss sich deshalb emotional abgrenzen.

Was bedeutet „respektvoll“ aus Spielersicht?
Das Wichtigste ist, dass der Journalist dem Spieler zuhört. Also richtig hinhört, sich dafür interes-siert, wie dieser Mensch wirklich tickt und warum dieser Mensch so tickt. Leider beherzigen das längst nicht alle Journalisten. Es gibt sogar welche, die in Interviews nur auf ihre Stichwortzettel gucken und so wenig vom Gespräch mitkriegen, dass sie kaum eine gescheite Nachfrage stellen können.

Was können Fußballjournalisten speziell bei Interviews nach dem Schlusspfiff besser machen?
Eine alte Regel beachten: Die erste Frage sollte nie negativ sein, so nach dem Motto: Was habt ihr denn heute wieder für einen Mist gespielt? Ich meine, es bringt doch nichts, wenn der Spieler dann abblockt.

Soll der Interviewer etwa erstmal vor Ehrfurcht auf die Knie gehen?
So meine ich es nicht. Man kann ja nach einem Spiel wie Deutschland-Algerien auch mit einem Satz wie „Das war ja heute ein hartes Stück Arbeit …“ einsteigen. Damit erkennt der Interviewer den engagierten Einsatz der Spieler, redet das Spiel aber nicht schön.

Warum sind Sie nach Ihrer Profikarriere eigentlich Fußballjournalist geworden? Andere Spieler wurden Trainer, Vereinsmanager oder – wie Ihr Europameister-1996-Kollege Oliver Bierhoff – Funktionär beim Deutschen Fußballbund.
Ich wollte meinen Lebensrhythmus ändern, nicht mehr so viel Zeit in Stadien, Trainingslagern und Hotels verbringen. Heute bin ich zwar auch viel unterwegs, kann meine Termine aber selbst steuern. Und ich kann jetzt die blöden Fragen selbst stellen, statt sie beantworten zu müssen (lacht).

Ein F.A.Z.-Redakteur hat kürzlich geschrieben, dass ehemalige Fußballprofis keine richtigen Journalisten sein können. Wie sehen Sie das?
Wie hat der Redakteur das begründet?

Sinngemäß: Ihnen fehle die Distanz zu den Spielern und damit Kritikfähigkeit?
Ich finde, dass wir häufig viel kritischer sind als herkömmliche Journalisten. Da denke ich gerade an meinen ehemaligen FC-Bayern-Kollegen Thomas Strunz, der in Interviews und TV-Sendungen mit mir auf Sport 1 sehr klare Meinungen vertritt. Das gilt auch für Thomas Berthold, Christian Ziege und andere. Strunz hat beispielsweise bis zum Frankreich-Spiel bei der WM gesagt, dass ihn die Mannschaft nicht überzeugt und das fundiert begründet.

Sehen Sie Qualitätsunterschiede zwischen ehemaligen Fußballprofis und Journalisten, die nicht aus dem Fußball kommen?
Durchaus. Ex-Profis sehen Spiele oft besser voraus und interpretieren bestimmte Aktionen an-ders. Sie haben den Sport eben in Fleisch und Blut. Es gibt aber auch klassische Journalisten, die sehr gut sind.

Fällt Ihnen ein Beispiel für eine „andere Interpretation“ ein?
Mitunter vergessen Journalisten, dass es Trainervorgaben für die Spieler gibt. Meinem früheren Bayern-Kollegen Thomas Linke etwa wurde von unserem Trainer Ottmar Hitzfeld häufig eingebläut, dass er unbedingt in unserer Spielfeldhälfte bleiben muss. Natürlich hielt sich Thomas an solche taktischen Vorgaben. Manche Medien haben interpretiert, dass er offensiv schwach war. Wenn dies auch in Interviewfragen artikuliert wird, kann das einem Spieler wehtun wie ein Tritt vors Schienbein.

Hat sich Ihr Verständnis für die Arbeit von Fußballjournalisten durch Ihre eigene journalistische Tätigkeit verändert?
Vor allem ist mir der Druck in der Berichterstattung klar geworden. Wenn es bis zur 88. Minute 2:1 steht und nach 90 Minuten 2:3, dann müssen die Journalisten ihre Berichte in kürzester Zeit völlig umschreiben und Interviewfragen bekommen einen ganz neuen Tenor. Da bleibt keine Zeit, nochmal jedes Detail zu reflektieren. Oder der Druck, jeden Tag etwas über eine Bundesli-gamannschaft schreiben zu müssen. Jeden Tag! Was schreibt man da? Und wenn sie nicht liefern, werden sie irgendwann ausgetauscht. Da wird der Ball auch für Journalisten existenziell.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Thomas Helmer begann seine Fußballprofi-Karriere 1984 bei Arminia Bielefeld. 1986 wechselte der Innenverteidiger und Libero zur Dortmunder Borussia, für die er in den kommenden sechs Jahren rund 200 Spiele absolvierte. 1992 wechselte er für die damalige Bundesliga-Rekordtransfersumme von umgerechnet 3,5 Millionen Euro zum FC Bayern München, für den er bis 1999 ebenfalls fast 200 Spiele machte. Zudem ist Helmer 68-facher Nationalspieler. 1996 wurde er mit der DFB-Elf Europameister. Seine journalistische Laufbahn begann 2002 als SAT-1-Reporter bei der Fußball-WM in Japan und Südkorea. Bei der Fußball-EM 2004 in Portugal und der WM 2006 in Deutschland war er Reporter für das Deutsche Sportfernsehen (DSF). Inzwischen moderiert er für den Privatsender Sport1 Fußballsendungen wie Doppelpass, Spieltaganalyse und Fantalk.

Das Interview führte Mario Müller-Dofel, beim Bildungswerk der Zeitungen verantwortlich für das Serviceportal “Gesprächsführung”.

Foto zum Beitrag auf der Home-Seite: Anekoho/Fotolia.com

 

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„Was soll die doofe Frage? Ich hau‘ Ihnen in die Fresse! Mer sind se net wert!“

Ob der Disput zwischen Interviewtem und Journalist handfest weitergeführt wird, erfahren Sie im Film:

4 Antworten auf “Ex-Fußballstar u. Journalist Thomas Helmer über Fußballer-Interviews”

  1. Hunke

    Ganz wichtig ist auch der Aspekt, ob jemand was versteht von der Materie. Büchler konnte nur deshalb kritisch nachfragen, weil er sich eine eigene Meinung zur Leistung der Mannschaft bilden konnte. Dank des Fachverstandes. Das Thema Fußball wird oft genug unterschätzt.

    Antworten
  2. Hunke

    Ups, seid wann muss der Interview-Einstieg posiitiv formuliert sein? „Da motzte Nationalspieler Per Mertesacker selten deutlich gegen den negativ formulierten Interviewstart von ZDF-Reporter Boris Büchler.“

    Antworten
  3. Nanu Meuer

    Wenn Spieler nach dem Spiel zu sehr emotional aufgeladen sind, kann man sich dann nicht das „Nach-dem-Schlusspfiff-Interview“ mit seinen Phrasen-Fragen und Phrasen-Antworten sparen?

    Antworten

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