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Bitte stellen Sie einfache Fragen!

Im journalistischen Interview gibt es zwei Rollen: Einer fragt, einer antwortet. Interessant ist, was der Gesprächspartner denkt und sagt. Damit Journalisten das erfahren, müssen sie geschickt fragen. Geschickt heißt dabei vor allem: So, dass der Gesprächspartner etwas Spannendes sagen kann – und nicht durch die Frage selbst in die Irre gerät. Ein Plädoyer gegen Mehrfachfragen

Ein Beitrag von Tim Farin*

"Waaas ... haben Sie genau gefragt?" Mehrfachfragen verwirren. (Foto: Ingo Bartussek/Fotolia.com)

„Waaas … haben Sie genau gefragt?“ Mehrfachfragen verwirren. (Foto: Ingo Bartussek/Fotolia.com)

„Wie finden Sie das eigentlich? Gefällt es Ihnen? Sind Sie unzufrieden? Was würden Sie jetzt lieber machen?“

Liebe Leserinnen und Leser, was würden Sie denken, wenn Ihnen ein Interviewer auf diese Weise gegenüberträte – mit zwei, drei Fragen hintereinander gestellt, in unterschiedliche Richtungen tastend? Man könnte schon verwirrt reagieren, oder? Es könnte aber auch sein, dass man so etwas schon kennt – und nur auf die Frage antwortet, die einem gerade mehr in den Kram passt. Nach dem Motto: Ich suche mir aus, worauf ich antworte.

Zu viel des Guten

Leider stellen Journalisten in Interviews viel zu häufig Doppel- oder Mehrfachfragen, obwohl sie alles andere wollen, als ihre Gesprächpartner aus dem Takt zu bringen. Anlass für diesen Zwischenruf ist ein Gespräch, das eine Kollegin im Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Präsidenten des Deutschen Eishockey-Bundes, Franz Reindl, veröffentlichte. Darin stehen unter anderem folgende Frageblöcke:

  • „Wie lautet das Ziel für die WM? Nicht Gruppenletzter werden und den Abstieg in die Division I vermeiden? Oder rechnen Sie sich mehr aus, obwohl viele der besten deutschen Spieler abgesagt haben?“
  • „Wie sieht es aus mit Eisbären-Coach Uwe Krupp, der der letzte erfolgreiche Bundestrainer war? Ist er ein Kandidat für Cortinas Nachfolge?“
  • „Haben Sie niemanden im Visier, den Sie als Gesicht der Nationalmannschaft aufbauen wollen? Was macht eigentlich Marco Sturm nach seinem Karriereende in der NHL? Könnte er eine Funktion beim DEB übernehmen?“

Daneben gibt es noch zahlreiche andere Fragen, die neben dem Fragezeichen ziemlich viel Text – also Wortanteil des Interviewers – umfassen. Und das empfinde ich als störend.

Bereits in der Interviewsituation, also im Live-Gespräch, sollten wir aufpassen, dass wir einzelne – und klar formulierte – Fragen stellen, wenn wir klare Antworten erwarten. Denn es geht ja nicht so sehr um unsere Ansichten und darum, dass wir unsere Gedanken durchscheinen lassen. Sondern es geht darum, dass wir auf intelligente Weise echte Gedanken des Gesprächspartners erfahren. Das geht am besten mit Fragen, die klar gestellt sind.

Signale der Unsicherheit

Da hilft es, wenn wir uns vorher über die Fragen und ihre Wirkung Gedanken machen. Und im Gespräch immer wieder kontrollieren, ob wir klar agieren. Reden wir verständlich, in verständlichen Worten und mit deutlicher Aussprache? Aber auch: Stellen wir Fragen, die zu interessanten oder informativen Reaktionen reizen? Das ist unser Anspruch an ein gutes journalistisches Gespräch.

Oft trauen wir in Gesprächen unseren eigenen Fragen nicht. Wenn der Gesprächspartner kurz nachdenkt, zweifeln wir an unseren Fragen. Falls kurz Ruhe entsteht, legen wir nach, formulieren eine zweite Frage oder sagen irgendetwas. Das ist zwar nicht so schön, denn ein gutes Gespräch sollte durchaus auch Momente des Innehaltens enthalten können – aber so ein Nachschieben von Fragen oder sonstigen Bemerkungen kann uns natürlich immer passieren. Unsicherheit und Nervosität beeinflussen uns, das ist dann eben so.

Besser umformulieren

Unschön aber wird es, wenn die Frage als unkonkrete oder Mehrfachfrage im Print- oder Online-Text landet. Es bringt den Text und das Gespräch nicht voran, wenn im veröffentlichten Interview schlecht formulierte Fragen stehen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass hier etwas Unausgegorenes veröffentlicht wird – etwas, das nicht zielführend ist, wie man heute so schön sagt.

Der ökonomische Umgang mit Text ist nicht nur für die Reportage entscheidend. Im Interview bieten die Fragen unseren Lesern die Chance, von Themenkomplex zu Themenkomplex zu springen und nach spannenden oder spannungsgeladenen Momenten zu suchen. Also sollten wir auch darauf achten, dass unser Teil des Textes – unsere Fragen – so elegant und wirksam wie möglich gestellt sind. Beim Redigieren und Autorisieren sollten wir darauf achten, dass wir nicht hinterher selber sagen: Diese Frage hätte man aber anders stellen müssen.

Daher mein Plädoyer für klare Fragen:

  • Stellen Sie diese klaren Fragen und hören Sie hin, ob der Gesprächspartner auf Ihre Frage antwortet. Fragen Sie sonst nochmal nach – das wird leichter, wenn Sie eine klare Frage stellen.
  • Nutzen Sie Mehrfachfragen nur in Ausnahmefällen, um einen bestimmten Effekt zu erzielen – etwa, um den Gesprächspartner bei widersprüchlichen Aussagen zu ertappen.
  • Nutzen Sie keine Mehrfachfragen um zu demonstrieren, wie brillant Sie intellektuell sind – das kommt weder im Gespräch noch beim Leser gut rüber.
  • Überlegen Sie sich vor dem Gespräch, wie Sie Fragen stellen – und üben Sie wichtige Fragen ein. Formulieren Sie diese Fragen möglichst präzise vorab, dann können Sie sie im Gespräch auch präzise stellen.
  • Geben Sie Ihrem Gesprächspartner keine Möglichkeiten, das spannende Thema zu verlassen und einen anderen Schauplatz zu wählen. Nur mit einfachen Fragen bleiben Sie der Agenda-Setter.
  • Wenn Sie dann den Text schreiben: Achten Sie darauf, dass Ihre Fragen so elegant geschrieben sind, wie Sie es von sich selbst erwarten.

Natürlich kann man sagen: Dann hat das ja vielleicht gar nichts mehr mit dem echten Gespräch zu tun. Aber ist das wirklich ein Argument? Sollen Leser, weil wir im Gespräch schlechte Fragen stellen, diese auch im Print- oder Online-Interview lesen müssen? Ich finde: Nein.

 

*Tim Farin ist freier Journalist und Mitinhaber des  Büros für Stilsicherheit in Köln. Als ABZV-Dozent gibt er seit 2012 Interviewseminare für Volontäre.

 

3 Antworten auf “Ein Plädoyer gegen Mehrfachfragen”

  1. Ruprecht Frieling

    Die hohe Kunst des Interviewers besteht darin, dem Interviewpartner neue, bislang unbekannte Fakten zu entlocken oder ihn zu Äußerungen zu bewegen, die über das bislang bekannte Maß hinausgehen.

    Dabei würde ich zwischen Interview (dem reinen Frage-Antwort-Spiel), Gespräch (bei dem sich der Interviewer durch eigene Statements – natürlich keine Oder-Fragen – einbringt) und Porträt als Königsform differenzieren.

    Antworten
  2. Chris

    Vielen Dank!
    Ich finde es beruhigend, dass Sie diesem Trend entgegensteuern. Vor allem zahlreiche Sportjournalisten sollten sich diesen Text einmal in Ruhe durchlesen…
    „Herr [Fußballprofi], wie zufrieden sind Sie mit dem Unentschieden? Denn Ihre Mannschaft hat ja erst einmal eine beruhigende Führung erzielt, sich dann aber ein Stück zu weit zurückgezogen und dem Gegner die Partie überlassen. Hätten Sie die wenigen Chancen, die Sie vor dem Ausgleich hatten, besser nutzen müssen? Steht jetzt vielleicht sogar der Trainer in der Kritik?“
    „Ja, also erstmal muss ich sagen, dass wir ein ordentliches SPiel gemacht haben. [Gegnerischer Fußballklub] steht ja auch mit 11 Spielern auf dem Platz, da ist es gar nicht so leicht, die entsprechenden Räume zu finden. Angesichts unserer Verletzten müssen wir mit dem 1:1 zufrieden sein.“
    Diese Unsitte, nach der ersten Frage nicht aufzuhören, sondern eine eigene „brilliante“ Analyse und zwei weitere Fragen anzuschließen, führt dazu, dass der/die Interviewte sich immer weniger an das Gefragte gebunden fühlt, und die Interviewsituation wird völlig entwertet.
    Manchmal ergeben sich im politischen Journailsmus übrigens erstaunliche Parallelen zu genau dem oben geschilderten Ablauf, z.B. nach Wahlen. Als kämen die Reporter/innen direkt vom Spielfeldrand…

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