Geschrieben am von & gespeichert unter Aktuelles.

Was passieren kann, wenn ein Journalist andere Journalisten interviewt

Wenn Markus Wiegand Interviewpartner vor der Nase hat, sind es in der Regel Kolleginnen und Kollegen. Denn er ist Medienjournalist. Nun hat er sich Luft darüber verschafft, dass „Topjournalisten“ in der Interviewautorisierung genauso agieren, „wie man es in Wirtschaft und Politik vermutet“. Eine echte Offenbarung

Ein Beitrag von Mario Müller-Dofel*

Offenbarung ist die Eröffnung von etwas bisher Verborgenem. Und der Chefredakteur des Magazins Wirtschaftsjournalist, Markus Wiegand, offenbart im Editorial seiner aktuellen Ausgabe 03/2014, was er als Interviewer bei der Autorisierung eines Interviews erlebt hat. Dabei spart er nicht an Kritik.

Das wäre an sich nichts Neues, weil Journalisten immer wieder den Umgang von Interviewpartnern mit der Interviewautorisierung kritisieren. Herrschende Meinung: Durch die Autorisierung werden Interviews verfälscht, schlechter und aufgeweicht.

Aber Wiegands Editorial ist etwas Besonderes – weil er sich darin über ein Interview Luft verschafft, das er für die aktuelle Titelgeschichte seines Magazins geführt hat: mit Wolfram Weimer (49).

Wolfram Weimer Eigen-PR

„Weimer (…) relativierte etliche Aussagen (…) mit dem Ehrgeiz der Eigen-PR.“ (Foto: Claudia Paulussen/Fotolia.com)

Der angespannt wirkende Elitejournalist

Weimer war Anfang des Jahrtausends zwei Jahre Chefredakteur von Die Welt und Berliner Morgenpost, ab 2004 Chefredakteur des von ihm gegründeten Politikmagazins Cicero und ab 2010 Nachfolger von Helmut Markwort als Chefredakteur des Focus. Seit 2012 ist er selbstständiger Verleger einiger Wirtschaftspublikationen.

Und was war im Interview mit Wirtschaftsjournalist-Chef Markus Wiegand passiert? Im Editorial liest es sich so: „Bei kritischen Fragen wirkte Weimer angespannt und tauchte vielleicht einige Male zu oft ins „off the Record“-Gespräch weg. Aber geschenkt. Mühsam wie selten zuvor war allerdings die anschließende Autorisierung. Weimer verlängerte das Gespräch um ein Drittel (auf rund 26.000 Zeichen), relativierte etliche Aussagen und schliff an vielen Formulierungen mit dem Ehrgeiz der Eigen-PR. Das war alles hart an der Grenze des Akzeptablen.“

Aber für Wiegand kam es noch dicker als Weimer sogar – so versichert es Wiegand – original gestellte Fragen veränderte, was unter Journalisten als Todsünde gilt.

 

Beispielfrage im Original von Wiegand:

„Bei Ihrer letzten Station, dem „Focus“, sind Sie nach öffentlicher Lesart gescheitert. Hat Ihr Wechsel auf die Verlegerseite auch damit zu tun?“

Frage nach der Autorisierung durch Weimer:

„Bei Ihrer letzten Station, dem „Focus“, lief es für Sie nicht so erfolgreich wie sonst. Hat Ihr Wechsel auf die Verlegerseite auch damit zu tun?

Weimer hat sich hier eines kleines Tricks bedient: Er hat aus Wiegands Frage mit dem Verb „gescheitert“ eine ganz anders klingende Frage gemacht:

Eine Frage mit Negation („nicht“), dem Verb „erfolgreich“ – und dieses um „wie sonst“ ergänzt. Das „wie sonst“ marginalisiert die Negation.

Gewollter Effekt: Im Hirn der Leser bleibt das Wort „erfolgreich“ hängen.

 

Im Editorial schreibt Wiegand weiter: „Weimer wollte in der Druckfassung (Anm.: des Titelstory-Interviews in der Wirtschafsjournalist-Ausgabe 03/2014) auch nicht mehr gefragt werden, warum die Angebote seines Verlages „kaum wahrgenommen“ werden und, dass der Eindruck von außen entstehe, er sei jetzt „in der dritten Liga“ unterwegs. Weimer fand diese Passagen „unverschämt bis erniedrigend“ und änderte sie. Dies wiederum wollte ich nicht akzeptieren.“ Schließlich – nachdem Weimer das Interview zurückziehen und Wiegand einen Text ohne wörtliche Zitate als Titelgeschichte bringen wollte – einigten sich Interviewter und Interviewer auf eine Kompromissfassung. Dies zur Fallbeschreibung.

„Viele Topkräfte in den Medien sind einer bequemen Lebenslüge verfallen“

Danach verknüpft Wiegand seine neueste Erfahrung mit früheren Autorisierungsscharmützeln nach anderen Interviews mit Branchengrößen: „Viele Führungskräfte im Journalismus und andere Spitzenkönner der Branche gehen davon aus, dass allein ihre exklusive Gesprächsbereitschaft sie schon vor kritischen Fragen schützt. … Vor einem Jahr versuchte etwa „Handelsblatt“-Chef Hans-Jürgen Jakobs unangenehme Fragen aus dem Interview rauszuwerfen. Es ist in der Medienbranche genauso, wie man es in Wirtschaft und Politik vermutet. Die Elite der Branche lebt in einer Blase, in der man sich gegenseitig nicht weh tut, sondern auf die Schulter klopft. … Viele Topkräfte in den Medien sind einer bequemen Lebenslüge verfallen: Sie sind nämlich alle nur solange große Journalisten, wie es nicht um sie selbst geht.“

Kommentar:

Angesichts dessen, dass Journalisten den von Markus Wiegand beschriebenen Umgang mit der Interviewautorisierung immer wieder an beispielsweise Wirtschaftsvertretern und Politikern kritisieren, kann man solche Kritik nach Wiegands Erfahrungsbericht als Heuchelei verstehen. Bleibt zu hoffen, dass sein Satz „Die Elite dieser Branche ist ein Club von Weicheiern“ doch nicht so pauschal zutrifft, sondern vor allem Journalisten zur Selbstreflektion anregen soll. Denn Interviewte für deren Umgang mit der Interviewautorisierung zu kritisieren, aber selbst genauso zu agieren, ist wie Wasser predigen und Wein trinken. Das schadet der Glaubwürdigkeit aller Journalisten.

Wie andere den Fall Weimer kommentieren, lesen Sie in einer Umfrage des Mediennachrichten-Portals Newsroom. Ebenfalls auf Newsroom.de können Sie das komplette Editorial von Markus Wiegand aus dem Magazin Wirtschaftsjournalist lesen.

 

*Mario Müller-Dofel ist beim Bildungswerk der Zeitungen verantwortlich für das Serviceportal “Gesprächsführung”.

Eine Reaktion auf “„Die Elite dieser Branche ist ein Club von Weicheiern“”

Schreiben Sie eine Antwort

  • (wird nicht veröffentlicht)