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Thomas Knüwert

Thomas Knüwer: Der Journalist und Social-Media-Berater argumentiert pro Interviewautorisierung. (Foto: Th. Knüwer)

 

Thomas Knüwer, Editor at Large des Internet Magazins, schrieb kürzlich in seinem Blog Indiskretion Ehrensache über ein Interview via Google Hangout mit Opel-Chef Karl-Thomas Neumann, das ohne Autorisierung über die Bühne ging. Gleich im zweiten Absatz unter der Headline “Zitatabstimmung – und ein Mittel dagegen” (im Blog einfach „Zitatabstimmung“ im Suchfeld eingeben) erwähnt Knüwer seinen Sinneswandel bezüglich der Autorisierung von Zitaten und Interviews. Ein Journalist plädiert für die bei den meisten Kolleginnen und Kollegen verhasste Autorisierung? Das gibt selten einer zu. Grund genug für Interviewer Mario Müller-Dofel*, genauer nachzuhaken.

 „Wortverdrehereien nach Interviews haben deutlich zugenommen“

ABZV: Herr Knüwer, früher sagten Sie: Interview-Autorisierung geht gar nicht. Heute sehen Sie es anders. Warum der Sinneswandel?
Thomas Knüwer:
Seit ich selbstständig bin, werde ich häufiger als davor selbst interviewt und bekomme dadurch unglaubliche Mängel bei Interviewern mit. Das beginnt bei offensichtlich schlechter Interviewvorbereitung und endet bei Zitaten, die ich nie auch nur annähernd so gesagt habe.

Geht es etwas konkreter?
Zum Beispiel bat mich ein Journalist bei einer Veranstaltung um ein Interview und fügte hinzu, dass er leider weder ein Aufnahme- noch ein Schreibgerät zur Hand hätte.

Haben Sie ihm das Interview dennoch gegeben?
Das hab’ ich. Und zwei Tage später bekam ich eine Gesprächszusammenfassung von ihm, die nichts mit meinen Aussagen zu tun hatte. Er hatte mich völlig falsch zitiert, also mit Sätzen, die meinen Auffassungen völlig entgegenstehen. Absurd, oder? Man braucht doch als Interviewer ein Aufnahmegerät! Wenigstens, um überprüfen zu können, ob die Erinnerungen der Realität entsprechen.

Wie sind Sie mit den fehlerhaften Zitaten umgegangen?
Ich habe meine Antworten selbst verschriftlicht und ihm geschickt, weil ich seine Formulierungen keinesfalls stehen lasse konnte.

Es gibt viele Journalisten, die auf Interviewaufnahmen verzichten und lieber mitschreiben oder die Gespräche im Nachhinein aus dem Gedächtnis wiedergeben. Das birgt aus Ihrer Sicht Fehler- und Streitpotenzial?
Selbstverständlich. Besser als mit einem Aufnahmegerät lassen sich Interviews ja kaum dokumentieren, zumal medienerfahrene Interviewpartner normalerweise kein Problem damit haben. Ich brauche doch wirklich nicht viel Hirnschmalz, um die Vorteile – auch bezüglich der rechtlichen Absicherung für den Journalisten – zu erkennen.

Jene Kolleginnen und Kollegen, die sich nun angesprochen fühlen, werden dagegen halten, dass Interviews auch ohne Mitschnitt meist funktionieren. Ansonsten würden sie das nicht praktizieren.
Das mag auf gewisse Kollegen ja zutreffen. Dann schreiben sie offensichtlich ziemlich schnell und genau mit. Und sie haben sich vorher mit ihrem Interviewpartner befasst, sodass sie seine Meinungen kennen. Der Interviewer, von dem ich eingangs erzählte, muss das versäumt haben, sonst hätte er mich wohl kaum derart falsch zitiert. Leider ist er kein Einzelfall. Wortverdrehereien nach Interviews haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Glauben oder wissen Sie das?
Das erlebe ich selbst und wird mir von Interviewten, Kommunikationsexperten und Pressesprechern bestätigt.

Wo sehen Sie Ursachen dafür?
Zum Beispiel im Verzicht auf Mitschnitte. Einmal sagte mir eine Journalistin, sie zeichne Interviews kaum mehr auf, weil sie keine Lust mehr hätte, die Aufnahmen abzuschreiben. Eine solche Sorgfalt erfordert natürlich viel Zeit. Und die ist im Journalismus extrem knapp worden.

Sehen Sie weitere Ursachen dafür, dass Journalisten ihre Interviewpartner falsch zitieren?
Vor allem eine, die in der Branche kaum offen angesprochen wird: Journalisten reißen Zitate auch bewusst aus dem Zusammenhang, um sie für ihre Thesen passend zu machen. Diese Art Qualitätsverfall passiert nach meinem Empfinden ebenfalls verstärkt und geht mit der zunehmenden Boulevardisierung des Journalismus einher, die sich quer über alle Medien breit macht. Natürlich gibt es Ausnahmen – das Magazin Brand eins mit seiner unaufgeregt-sachlichen Berichterstattung zum Beispiel.

Was motiviert Journalisten, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, um sie für ihre Thesen passend zu machen?
Einerseits natürlich der harte Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser bei jenen klassischen Medien, mit denen es bergab geht. Andererseits der Fokus auf steigende Klickzahlen bei den Onlinepublikationen. Viele Journalisten kreieren besonders steile Thesen, damit sie selbst und ihr Medium wahrgenommen werden.

Besonders steile Thesen werden im Internet eben besonders viel geklickt.
Wenn allerdings ein aufgebauschtes Zitat über einem Interview steht, es aber nicht repräsentativ für den Interviewtext ist oder der Text die These schlicht nicht trägt, klicken die User schnell wieder weg. Nachhaltigkeit im Sinne der Leserbindung sieht anders aus.

Wenn Journalisten die in Deutschland übliche Interviewautorisierung beklagen, spielen mögliche eigene Fehler bei der Interviewführung und -verschriftlichung kaum eine Rolle. Warum ist das so?
Der deutsche Journalismus neigt nicht gerade zur Selbstkritik. Auch deshalb landen Leute, die dieses Defizit hinterfragen, entweder in der Schublade für meckernde Blogger oder – wenn sie für klassische Medien arbeiten – in der Schublade für Nestbeschmutzer.

Wie gehen Sie mit der Autorisierung um, wenn Sie als Interviewer im Einsatz sind?
Ich schicke in aller Regel einzig wörtliche Zitate zur Autorisierung, also keine Bildunterschriften, Headlines, Bilder und so weiter. Ausnahmen mache ich, wenn Texte komplexe technische Zusammenhänge transportieren sollen und ich unsicher bin, ob ich sie voll verstanden habe. Dann lasse ich Interviewpartner auch mal eine komplette Textpassage checken.

Bieten Sie Ihren Interviewpartnern die Autorisierung freiwillig an?
Nie vor einem Interview. Und danach nur, wenn der Befragte so durcheinander geredet hat, dass ich mich nach der Verschriftlichung frage, ob ich ihn wirklich richtig getroffen habe. Aber das passiert zum Glück selten.

Wie haben Sie ein Interview mit Opel-Chef Karl-Thomas Neumann ohne Autorisierung bekommen? Das Gespräch via Google Hangout war eine Premiere für ihn.
Ich habe einfach gefragt.

Wen?
Kommunikationschef Harald Hambrecht.

Und wie?
Via Twitter. Der gesamte Prozess lief sehr unkompliziert ab. Von daher kann ich Herrn Neumann und seiner Kommunikationsabteilung nur ein Kompliment machen. Mit Google Hangout verzichteten wir auf die Autorisierung – und damit auch auf Probleme.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Thomas Knüwer schrieb von 1995 bis 2009 als Redakteur, Reporter und Ressortleiter für die Wirtschaftszeitung Handelsblatt. Im November 2009 gründete im die Unternehmensberatung kpunktnull. Zudem gründete er das Medien-Blog Indiskretion Ehrensache und das Reise- und Gourmet-Blog Gotorio. Seit November 2013 arbeitet er auch als „Editor at Large“ für das Internet Magazin.

*Mario Müller-Dofel ist beim Bildungswerk der Zeitungen verantwortlich für das Serviceportal „Gesprächsführung“.

 

Eine Reaktion auf “Ja zur Interviewautorisierung”

  1. Tim Farin

    Immer wieder höre ich von Kollegen: „Ich brauche kein Aufnahmegerät. Ich habe meinen Block.“ Das hier ist wieder mal ein Beispiel mehr, das belegt, dass jeder seine Interviews mitschneiden sollte. Für die professionelle Wirkung ggü Gesprächspartner empfiehlt es sich in jedem Fall, auch wenn man die Aufnahme nicht 1:1 abtippt.

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